Zu Punkt 13, Polen, führte der Reichskanzler aus, nicht die Entente, sondern das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn hätten Polen von dem seine nationale Eigenart unterdrückenden zaristischen Regiment befreit; so möge man denn auch Deutschland, Österreich-Ungarn und Polen es überlassen, sich über die zukünftige Gestaltung dieses Landes zu einigen.
Zu Punkt 14, Völkerbund, erklärte er, daß er jedem Gedanken sympathisch gegenüberstehe, der für die Zukunft die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von Kriegen ausschalte. Wenn der vom Präsidenten Wilson stammende Gedanke des Völkerbundes bei näherer Ausführung und Prüfung ergebe, daß er wirklich im Geiste vollkommener Vorurteilslosigkeit gefaßt sei, so sei die Kaiserliche Regierung gern bereit, wenn alle anderen schwebenden Fragen geregelt sein würden, einer Prüfung der Grundlagen eines solchen Völkerbundes näherzutreten.
Im Anschluß an diese Stellungnahme zu den Einzelpunkten des Wilson-Programms erkannte Graf Hertling an, daß Wilsons und Lloyd Georges Ausführungen Grundsätze für einen allgemeinen Weltfrieden enthielten, denen wir zustimmen und die Ausgangs- und Zielpunkte für Verhandlungen bilden könnten; aber in den konkreten Punkten sei der Friedenswille weniger bemerkbar. Unsere Gegner erklärten zwar, sie wollten Deutschland nicht vernichten, aber sie schielten begehrlich nach Teilen des Reichs und unserer Verbündeten; sie sprächen mit Achtung von Deutschlands Stellung, aber dazwischen dringe immer wieder die Auffassung durch, als seien wir die Schuldigen, die Buße tun und Besserung geloben müßten. „So spricht der Sieger zum Besiegten; so spricht derjenige, der alle unsere früheren Äußerungen von Friedensbereitschaft als bloße Zeichen der Schwäche deutet.“ Von dieser Täuschung müßten sich die Führer der Entente frei machen. „Unsere militärische Lage war niemals so günstig, wie sie jetzt ist. Unsere genialen Heerführer sehen mit unverminderter Zuversicht in die Zukunft. Durch die ganze Armee, durch Offiziere und Mannschaften geht ungebrochene Kampfesfreude.“ Wenn die Führer der feindlichen Mächte wirklich zum Frieden geneigt seien, so möchten sie ihr Programm nochmals revidieren. „Wenn sie mit neuen Vorschlägen kommen, dann werden wir sie auch ernstlich prüfen; denn unser Ziel ist kein anderes als die Wiederherstellung eines dauernden allgemeinen Friedens. Aber dieser dauernde allgemeine Friede ist so lange nicht möglich, als die Integrität des Deutschen Reiches, als die Sicherung unserer Lebensinteressen und die Würde unseres Vaterlandes nicht gewahrt bleibt.“
Die Ausführungen der beiden leitenden Staatsmänner des Zweibundes stellten also den Programmpunkten Wilsons nur dort ein glattes Nein entgegen, wo diese mit der Erhaltung der territorialen Integrität und der Souveränität unverträglich waren. In allen anderen Punkten stimmten sie ausdrücklich zu oder wiesen sie wenigstens eine Erörterung nicht von vornherein ab. Das gilt namentlich auch von Hertlings Erklärung zur belgischen Frage. Der Reichskanzler stellte fest, daß die gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland niemals Ziel der deutschen Politik gewesen sei. Die positive Ordnung der belgischen Frage wollte er aber nicht aus dem Gesamtkomplex der Friedensfragen herausnehmen lassen, solange die Gegner die Integrität des Gebietes der Vierbundmächte nicht ihrerseits als Grundlage für die Friedensverhandlungen anerkannten.
Damit war wieder einmal für jeden, der hören wollte, hinreichend klargestellt, daß einer ernsthaften und konkreten Friedensdiskussion als einziges Hindernis die Eroberungs- und Zerstückelungswünsche unserer Feinde entgegenstanden. Es handelte sich darum, ob unsere Feinde sich würden entschließen können, auf diese gegen den Bestand und die Unabhängigkeit der Vierbundmächte gerichteten Wünsche zu verzichten, oder ob Deutschland und seine Verbündeten, die gerade jetzt die russische Flanke frei bekamen, nach dreieinhalb Jahren heldenhafter Gegenwehr in dem Augenblick der stärksten Erleichterung, die ihnen der Krieg bisher gebracht hatte, die Waffen niederlegen, alle errungenen Vorteile aufgeben und freiwillig Gebiete ausliefern würden, die unsere Feinde uns mit der Gewalt der Waffen nicht hatten entreißen können.
Letzteres war eine offensichtliche Unmöglichkeit.
Aber auch unsere Feinde konnten sich nicht entschließen, ihre Kriegsziele einzuschränken. Vom 30. Januar bis 2. Februar 1918 tagte in Versailles der Oberste Kriegsrat der Entente. Über das Ergebnis seiner Beratungen wurde eine amtliche Note veröffentlicht, in der es hieß:
Der Oberste Kriegsrat habe die jüngsten Erklärungen des deutschen Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern sorgfältig geprüft; er habe in diesen Erklärungen keinerlei Annäherung an die von sämtlichen Regierungen der Alliierten formulierten maßvollen Bedingungen zu erkennen vermocht. Der Eindruck, den der Kontrast zwischen den angeblich idealen Zielen, zu deren Verwirklichung die Mittelmächte die Verhandlungen von Brest-Litowsk eröffnet haben, und ihrem nun offen zutage liegenden Streben nach Raub und Eroberung hervorrufe — wie soll man heute nach diesen Worten die Versailler Friedensbedingungen der Alliierten kennzeichnen? —, sei nur geeignet, diese Überzeugung zu befestigen. Unter diesen Umständen erachte es der Oberste Kriegsrat als seine unmittelbare Pflicht, die Fortdauer des Krieges mit äußerster Energie und durch die straffste und wirksamste Vereinheitlichung der militärischen Aktion der Alliierten sicherzustellen.
„Diese Kundgebung bedeutet die denkbar schroffste Abweisung jedes Friedensgedankens,“ schrieb damals die demokratische „Frankfurter Zeitung“, und sie hatte recht. Die Intransigenten hatten in Versailles triumphiert.
Der Präsident Wilson antwortete auf die Reden des Grafen Czernin und des Grafen Hertling am 11. Februar in einer neuen Ansprache an den Kongreß. Da auch diese Ansprache als eine der von uns und den Feinden angenommenen Grundlagen des abzuschließenden Friedens von Bedeutung ist, sei das Wesentliche ihres Inhalts wiedergegeben.