Der Beiname des Dunklen, weil er „nicht redet, nicht verbirgt, sondern andeutet“, findet sich zuerst in der pseudo-aristotelischen Schrift de mundo (c. 5). Sokrates soll gesagt haben, es bedürfe zum Verständnis seiner Schreibweise eines delischen (tüchtigen) Tauchers. Könnte man ihn aber mit Hinsicht auf den Inhalt seiner Lehre, einer Licht- und Feuer-Religion, nicht vielmehr auch den lichten nennen? Auch dadurch würde sich für ihn die Coincidenz des Gegensatzes bestätigen.

[Zweites Kapitel.]
Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.

Pythagoras gehörte einer etwas früheren Zeit an, als Heraclit. Er steht als Dorer schon dem Stamme nach in einem gewissen Gegensatz zu den Jonischen Philosophen.

Leider ist die Geschichte seines Lebens in ein solches mystisches Dunkel gehüllt, daß in unseren Tagen, wo ja die historische Skepsis auf die denkbar feinste Spitze getrieben worden ist, einzelne Forscher sogar seine Existenz bezweifelt und die Möglichkeit bejaht haben, daß er ein bloßer Kollektivname, eine Personifikation der ganzen orientalischen und nordischen Weisheit sei.[549] Wir sind weit entfernt, diese, ja auch auf vielen anderen Gebieten und besonders durch David Strauß an der Geschichte Jesu bis zur Selbstironie übertriebene Skepsis, welche zum großen Teil der aprioristischen negativen Voreingenommenheit des Materialismus gegen mystische Berichte entspringt, unbedingt zu teilen, müssen aber zugeben, daß die zweifellos historische Persönlichkeit dieses dorischen Denkers dermaßen von Mythen umrankt ist, daß es schwer fällt, einen thatsächlichen Kern aus dem Sagengewirr herauszuschälen. Fest steht, daß er ein Sohn des Mnesarchus war und zu Samos, etwa um 582 v. Chr. geboren ist, von wo aus er erst in späteren Jahren, vielleicht 529 v. Chr. nach Kroton in Unteritalien übersiedelte und hier einen politisch-ethisch-religiösen Geheimbund stiftete. Im übrigen wächst die Reichhaltigkeit der Mitteilungen über ihn nahezu im quadratischen Verhältnisse der zeitlichen Entfernung und somit im umgekehrten der Zuverlässigkeit. Am meisten wissen die fast ein Jahrtausend später lebenden sog. Neupythagoräer und Neuplatoniker von ihm zu erzählen, unter denen Jamblichus und Porphyrius sogar eine ausführliche Lebensbeschreibung des Pythagoras liefern.

Von dem ihm zeitlich am nächsten stehenden Heraclit ist uns eine Äußerung über Pythagoras erhalten[550], die eben keine wohlwollende Beurteilung einschließt. Er sagt: „Pythagoras, der Sohn des Mnesarchus, hat Forschung geübt von allen Menschen zumeist, und eklektisch sich seine eigene Wahrheit gebildet, eine Vielwisserei und gelehrte Kunst.“

Nicht unwahrscheinlich ist es daher, daß er, wie dies ja wißbegierige Hellenen, z. B. Solon und Herodot vielfach thaten, auch große Reisen gemacht und insbesondere sich auch in Egypten aufgehalten hat, um sich in die dortige Priesterweisheit einführen zu lassen. Dadurch würde sich sein mit dem, was als logische Grundlage seiner Philosophie berichtet wird, nur unorganisch verknüpfter Glaube an die Seelenwanderung erklären. Jedenfalls aber sind seine Reisen von den Späteren, deren einige ihn sogar bis nach Indien zu den Brahmanen führen[551], sehr übertrieben, und Zeller bemerkt wohl mit Recht, daß „nicht die bestimmte Kenntnis von seinem Verkehr mit auswärtigen Völkern zu der Annahme über den Ursprung seiner Lehre, sondern vielmehr umgekehrt die Voraussetzung von dem auswärtigen Ursprung seiner Lehre zu den Erzählungen über seinen Verkehr mit Barbaren den Anstoß gegeben haben wird.“ Einige bringen ihn sogar mit dem mythischen König der im Norden Griechenlands wohnenden Geten Zamolxis in Verbindung.[552]

Jedenfalls hat er keine Schriften hinterlassen, und die Behauptung des Jamblichus, es seien wohl Schriften vorhanden gewesen, aber bis auf Philolaos streng als Geheimnis der Schule bewahrt worden, verdient wenig Glauben.[553]

Für den von ihm gestifteten Geheimbund wurde dessen politische (aristokratische) Richtung verhängnisvoll. Derselbe wurde durch eine blutige demokratische Revolution, den Aufstand der sog. „Kyloner“ vernichtet; bei einer Beratung im Hause des Milo zu Metapont sollen seine sämtlichen Anhänger mit Ausnahme der Tarentiner Archippus und Lysis umgekommen sein, da die Gegner das Haus umstellten und anzündeten. Unwahrscheinlich ist der Bericht, daß Pythagoras selbst bei dieser Veranlassung geendet habe, da diese sog. Kylonischen Unruhen mindestens 100 Jahre nach seiner Geburt datiert werden müssen.

Zuverlässige Mitteilungen über seine Lehre bieten uns nur Plato und Aristoteles.