Als treibende Kräfte aber für die stetige Bewegung der Elemente in der Mischung und Entmischung setzt Empedocles zwei, die wir als Attraktionskraft einerseits und Repulsionskraft andrerseits bezeichnen würden; er aber nennt sie in affektiver Auffassung Liebe und Haß.
Wenn man sich nicht mit der rein objektiven Auffassung der Kräfte begnügen will, so liegt in der That in dieser Auffassung der Kraftbeziehungen ein auch heute noch naturphilosophisch zulässiger Gedanke, nämlich die Voraussetzung, daß in den realen Elementen innere Zustände irgend welcher nach Analogie der psychischen Triebe zu denkenden Art vorhanden sind, welche den räumlichen Entfernungen entsprechen und das nächste wirksame Glied sind, von dem die Größen der bewegenden Kräfte, welche die Elemente ausüben, in jedem Augenblicke entspringen. Denn wenn die Entfernung z y zwischen den Atomen z und y zunächst nichts weiter ist, als die Vorstellung, die ein Beobachter sich bildet, indem er den räumlichen Ort des y durch Ausgehen von dem Orte des z zu erreichen sucht und sich dabei der Größe der Veränderung bewußt wird, die der Zustand seiner Sinne dabei erfährt; – so muß doch auch z selbst, wenn es sich nach der Entfernung richten soll, etwas von ihr merken, d. h. es selber muß innerlich anders affiziert sein, wenn ihre Größe p und anders, wenn sie q beträgt. Was soll es sonst heißen, die Entfernung bestehe für z und y? (Vgl. Lotze, Grundzüge der Naturphilosophie S. 25.)
Die Attraktion oder Liebe personifiziert unser Dichter als Afrodite.
„Wie durch Mischung des Wassers, der Erd' und der Luft und des Feuers
Hier die Gestalten entsteh'n und Farben der sterblichen Wesen,
Alle, soviele da sind, hat Afrodite gebildet.“
„Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander verlaufend,
Werden sie Menschen und all die unzähligen andern Wesen,
Jetzt durch der Liebe Gewalt sich zu Einem Gebilde versammelnd,
Jetzo durch Haß und Streit sich als einzelne wieder zerstreuend.“
Im Urwesen freilich, dem Sphairos (er denkt es sich kugelförmig, da die Kugel das vollkommenste stereometrische Gebilde), oder der Gottheit, sind die 4 Elemente, die Urwurzeln aller Dinge, noch in vollkommener Unterschiedslosigkeit und Einheit beisammen, kraft der in ihm waltenden Liebe, und die Schöpfung der Welt ist nichts anderes, als Entwickelung und Zerrissenwerden der Gottheit aus der Einheit in die Vielheit.
Zunächst geht durch die hereintretende Zwietracht die Einheit des Sphairos auseinander in die Vierheit der Elemente, aus denen dann Afrodite oder die Liebe die ganze harmonische Weltbildung und die Einzelwesen hervorbringt.