Ebenso „dichtet“ Empedocles:
„Rohe, noch formlose Bilder entsprangen zuerst aus dem Boden,
Beiderlei, Wasser sowohl wie Erde, besitzend als Anteil;
Diese bewirkte das Feuer, indem es zum Gleichen empordrang,
Ganz noch an ihnen verhüllt die gefällige Bildung der Glieder,
Weder mit Laut, noch gar mit der üblichen Rede der Menschen.“
Was wird man aber erst zu folgender Antizipation der Lehre von der indirekten Auslese oder Selektion des Zweckmäßigen sagen, die ja, um die Voraussetzung eines bewußten Schöpfers zu umgehen, als Hauptstütze der modernen Entwickelungslehre gilt?
„Also geschah's, daß Häupter, des Nackens beraubt, aufsproßten;
Bloß auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten;
Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen,
Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz;
Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes
Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem Manne,
Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet.“
Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des Empedocles von derjenigen Häckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt die Erinnerung an den Häckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei Lektüre dieser grotesken Schöpfungspoesie sehr nahe.
Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein ähnliches Interesse für eine vergleichende Theorie spekulativer Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis geblieben sind, wiederholt finden. So z. B. seine Theorie des Sehens. Zufolge dieser Theorie müßten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen können. Er meint nämlich, daß das Sehen durch eine Ausströmung von Strahlen aus dem Auge zu den Gegenständen hin geschehe, „feine Netze halten im Auge die Masse des umherschwimmenden Wassers zurück, die Feuerteilchen aber springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und ihn gewissermaßen wie weit vorgestreckte Fühlhörner betasten.“ Er vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne.
„Wie wenn ein Mann, um ins Freie zu gehen, sich bereitet die Leuchte,
Daß sie die stürmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle,
Und die Latern' anzündet, die jeglichem Winde verschlossen;
Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde;
Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner,
Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermüdenden Strahlen:
Also lagert von Häutchen umschlossen das ewige Feuer,
Von ganz feinen Gewändern umhüllt, in der runden Pupille,
Diese verhegen die Flut ihm des rings anspülenden Wassers,
Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner.“