Auch spätere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame Optik, die das Sehen auf eine aktive per radios ab oculo statt per radios ad oculum vermittelte Thätigkeit zurückführt, lehren und damit gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen über die Wirkung des bösen Blicks u. s. w. als thatsächliche Verhältnisse und Naturerscheinungen erklären. Auch Bruno lehrt, daß das Sehen eine Thätigkeit des „Nervengeistes“ ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen sich nach außen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berührt wird, und sich dann wieder zusammenzieht (wie wenn z. B. eine Schnecke ihre Fühlhörner nach der Berührung wieder einzieht).
Bekanntlich ist diese ante-Newtonische Optik auch den modernen Spiritisten außerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren spiritistischen Experimente, wie z. B. die sog. Materialisationen, der Apport von Gegenständen u. s. w. niemals zu stande kommen, wenn ein kritischer Zuschauer ein Auge auf den modus operandi des sog. Mediums hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, daß der feindselige Magnetismus des Auges, also jene vom Auge ausgehenden Sehstrahlen à la Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Kräfte verhindern; man muß vielmehr solange die Augen schließen oder nach einer anderen Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, hocus pocus fidibus, die phänomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphäre einzugreifen Zeit und Gelegenheit gefunden hat.
Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf seine Seelenwanderungslehre. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewiß hat man alle Veranlassung, nach den bisherigen Prämissen zu erwarten, daß Empedocles so etwas wie eine unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige Inkonsequenzen! Für Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, daß ihn das Bedürfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu rechtfertigende Goëtie oder Nekromantik, d. h. der antike Spiritismus, zur Annahme derselben führte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche die Seelenwanderung für eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen über die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war; ja einige gingen soweit, ihn des geistigen Diebstahls (λογοκλοπεία) an der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagoräer zu beschuldigen[580]; und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles könne diese Lehre, wie manches andere, z. B. seine Kosmogonie und Optik, nur der Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch gewinnen, daß die verschiedensten großen Denker ganz selbständig zu derselben Vorstellungsweise gelangt wären?
Empedocles also schreibt:
„Nimmer wohl wird, wer darin belehrt ist, solches verneinen,
Daß nur so lange sie leben, was man nun Leben benennet,
Nur so lange sie sind und Leiden empfangen und Freuden,
Doch eh' Menschen sie wurden und wann sie gestorben, sie Nichts sind.“
„Also besteht ein Verhängnis, ein alter Beschluß von den Göttern,
Der für die Ewigkeit gilt, durch mächtige Eide besiegelt;
Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket,
Von den Dämonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben,
Muß unzählige Horen entfernt von den Seligen irren,
Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen.
So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flüchtling,
Dienstbar dem rasenden Zwist.“
Dann ruft er aus:
„O! aus was für Ehr' und aus was für Höhe des Glückes
Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen!“