Jupiter, aus Djovis pater entstanden, bedeutet zunächst Himmelsvater, als Quell des Lichtes; ihm sind alle Luftveränderungen, Regen und Gewitter, Blitz und Donner unterworfen. Darum heißt er auch, je nachdem er seine Macht äußert, Pluvius, Fulgurator, Tonans, Imbricitor, Serenator. Der heiligste Eid lautete, indem der Schwörende einen Kieselstein in die Hand nahm und auf das Opfertier schleuderte: „wenn ich mit Wissen und Willen einen Meineid schwöre, so soll mich Jupiter also schlagen (ferito), wie ich hier dieses Opfertier schlage, und so will ich aus Staat und Heimat also hinausgeworfen werden, wie dieser Stein da!“
Bei langdauernder Dürre brachte man ihm ein Opfer dar, das aquilicium oder Wasserentlockung hieß; da dasselbe mit gewissen magischen Ceremonien verbunden war, ließ man es durch einen Etrurier (Tusker) verrichten. Über diese magischen Ceremonien ist uns aus Labeo, der die tuskische Disziplin des Tages und Bacis in 15 Büchern erläutert hat, nur folgendes erhalten: „Wenn die Leberfasern eine Sondarach-Farbe zeigen, dann müssen die rinnenden Steine (manales petrae) in Bewegung gesetzt werden.“
Als höchster Gott heißt er Optimus Maximus, und sein Tempel ist als höchster auf dem Kapitol gegründet. Ihm gelten die Triumphzüge nach jedem Siege. Zu seinen Ehren wurden auch die berühmten Kapitolinischen Spiele gefeiert, und auf dem Giebel des Kapitolinischen Tempels prangte ein großes Viergespann, wie es die Wettfahrer bei diesen Spielen hatten. Etrurien soll durch ein solches frühzeitig die hohe Bestimmung seines Nachbarstaates erfahren haben. Als einst zu Veji dem Jupiter ähnliche Wettspiele, wie man sie zu Rom zu feiern pflegte, gehalten wurden, fingen die Rosse des siegenden Viergespanns plötzlich, wie von einem unsichtbaren Dämon getrieben, zu laufen an, und eilten unaufhaltsam nach Rom zu. Dort warfen sie den Tuskerjüngling, welcher den Namen Ratumena führte, beim Tarpejischen Thore ab, das sodann nach demselben umgetauft wurde, und rasteten nicht eher, als bis sie dreimal um den Tempel des Jupiter Kapitolinus gefahren waren.
Als Herr des Himmels und Lenker der Welt steht er allen irdischen und menschlichen Angelegenheiten vor und pflegt deshalb bei jedem Beginn einer wichtigen Handlung begrüßt zu werden. Ihm sind alle Vollmondstage heilig (die Iden), außerdem die sämtlichen Weinfeste.
Zu Zeiten der Not gelobte man ihm bisweilen den ganzen Ertrag eines Zweiges der Landwirtschaft oder gar die Erstlingsgeburten eines Frühlings, des sog. ver sacrum als Opfer. Eigentlich gehören dazu auch die in diesem Frühjahr geborenen Menschen. Weil es aber zu grausam gewesen wäre, so viele unschuldige Kinder abzuschlachten, so ließ man sie groß werden, und trieb sie dann in einem Frühjahr miteinander, verhüllten Gesichtes, über die Grenze; jene gingen dann aufs Geradewohl, wohin ihr Genius sie führte, und auf diese Weise soll manche Kolonie entstanden sein. Augenscheinlich war dieser Weihefrühling ein Mittel, der Übervölkerung und Nahrungsnot durch geeignete Kolonisation vorzubeugen und durch solche zugleich den Staat zu expandieren. Uhland hat ihn zum Vorwurf einer glänzenden Ballade gemacht, in der der Priester den Ersatz des blutigen Opfers durch die Auswanderung mit folgenden Worten begründet:
„Nicht läßt der Gott von seinem heil'gen Raub,
Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
Nicht will er einen Frühling welk und taub,
Nein, einen Frühling, welcher treibt in Saft.“
„Aus der Latiner alten Mauern soll
Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn;
Aus diesem Lenz, urkräft'ger Keime voll,
Wird eine große Zukunft ihm erstehn.“
„Drum wähle jeder Jüngling sich die Braut!
Mit Blumen sind die Locken schon bekränzt;
Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut!
So zieht dahin, wo euer Stern erglänzt!“
„Der junge Stier pflüg' euer Neubruchland!
Auf eure Weiden führt das muntre Lamm!
Das rasche Füllen spring' an eurer Hand,
Für künft'ge Schlachten ein gesunder Stamm!“
„Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt;
Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
Der selbst in eure Mitte niedersteigt,
Zu zeugen eurer Könige Geschlecht.“