Unmittelbar an Janus reiht sich der Gott Saturn.

Nach der euhemeristischen Auffassung waren bekanntlich sämmtliche Götter in früheren Zeiten als Könige oder Herren auf Erden inkarniert gewesen. So war auch Janus ein italischer König; während seiner Regierung kam Saturn nach Italien, wurde von ihm gastlich aufgenommen und siedelte sich gegenüber dem Kapitolinischen Berge auf dem Janiculum an, der damals der Saturnische Berg hieß. (Hier war der Tempel des Saturn.) Saturn war es, der die Bewohner Italiens den Ackerbau lehrte, sie von der wilden Lebensweise entwöhnte und zur Ordnung und friedlichen Beschäftigung anleitete. Er vertritt also bei den Lateinern die Stelle, welche bei den Griechen eine weibliche Gottheit, Demeter, behauptet. Das Regiment des Saturn war das goldene Zeitalter. Zur Erinnerung daran feierten die Römer im Dezember, wo man die Feldarbeiten des verflossenen Jahres sämtlich beendet und die des neuen noch nicht begonnen hatte, das heiterste aller Feste, die Saturnalien, an dem das goldene Zeitalter so zu sagen wenigstens für einen Tag wieder aufleben sollte. An diesem Feste sollte wieder Freiheit und Gleichheit herrschen, wie in jenen Tagen. Darum ließ man während seiner Feier die Sklaven in Herrenkleidern und Hüten gehen, die das Zeichen der Freiheit waren, forderte keine Dienstleistungen von ihnen, bediente sie vielmehr selbst bei Tische. Unter Saturns Regierung hatte es noch kein Eigentum gegeben, alles war gemeinsam. Daher stellte man an den Saturnalien Schmausereien an, zu denen jedermann willkommen war, und beschenkte sich reichlich. Vor allem wurden die Kinder nicht vergessen, denen Puppen und Bilderchen geschenkt wurden.

Überall ertönte der jedes böse Omen verscheuchende Ruf: Io Saturnalia! io bona Saturnalia! Es herrschte eine Art Narrenfreiheit, wie heutzutage im Karneval.

Da das Fest um die Zeit der Wintersonnenwende fiel, ist die Beziehung Saturns auf das Sonnenjahr klar, und Saturn wurde daher später von den meisten mit dem griechischen Chronos, dem Gott der Zeit identifiziert. Der alte Saturn ist aber wesentlich nur ein Gott des Ackerbaus.

Als solcher eröffnet er einen ganzen Zug, den Feldbau, Weinbau und die Viehzucht beschützender Götter und Göttinnen.

Seine Gattin zunächst heißt Ops, gleichbedeutend mit Fülle, Reichtum und Wohlstand.

Zu diesen gesellten sich Vertumnus und Pomona, als Obstgöttinnen.

Endlich wurden frühzeitig aus Griechenland eingeführt Ceres, Liber und Libera.

Daß Ceres sehr früh rezipiert worden, bezeugt Cicero (p. Balb. 24): „Den Dienst der Ceres“, sagt er, „haben unsere Altvordern mit großer Reinheit und Heiligkeit besorgt wissen wollen. Da er aus Griechenland entlehnt war, so wurde er auch immer durch griechische Priesterinnen ausgeübt, und alles mit griechischen Namen benannt. Wenn aber die Person, welche den Ritus angab und verrichtete, immerhin aus Griechenland berufen wurde, so wollten sie dennoch, daß dieselbe die Opfer, die zum Heile der Bürger gebracht wurden, auch als Bürgerin verrichte, um die unsterblichen Götter zwar mit fremder Kenntnis aber doch mit eigener und einheimischer Frömmigkeit zu verehren. Ich finde, daß diese Priesterinnen gewöhnlich aus Neapel oder Velia verschrieben wurden, welche Staaten ohne Zweifel damals mit Rom im Bündnis standen.“