Doch scheint das lateinische Wort Ceres, das an Stelle des griechischen Demeter trat, – sein etymologischer Zusammenhang ist freilich unklar –, anzudeuten, daß die fremde Göttin mit einer schon bekannten einheimischen verschmolzen worden ist.
Liber und Libera sind Bacchus und Ariadne.
Das Wort Liber „frei“ scheint anzudeuten, daß die Sendung des Bacchus im Sinne einer freieren Lebensführung aufgefaßt wurde. An seinem Feste, den Liberalien wechselten die geschlechtsreif gewordenen jungen Römer ihr kindliches Kleid mit der männlichen Toga. Auffällig ist auch, daß liberi die Kinder und liberi die Freien ein lateinisches Wort sind, wie Hartung, Religion der Römer S. 138, bemerkt, „hat um der guten Vorbedeutung willen das Volk, dem die Freiheit für das höchste Gut des Lebens galt, die Kinder mit diesem Namen bezeichnet.“ Varro freilich deutet das Wort auf den zügellosen Liebesgenuß und die Ausgelassenheit, die bei der Verehrung dieser Gottheiten üblich war, in sehr drastischer Ausdrucksform („Liber“, qui marem effuso semine liberat, Augustin VII. 2). Allerdings nahm sein Kultus in Italien, zumal in Süditalien, eine mindestens so zügellose Wendung, wie der Bacchus- und Dionysos-Kult in Griechenland.
„Auch die Ausomischen Landleute“, sagt Vergil, Georg. II. 380ff., „feiern nicht minder als die attischen das Fest mit Knittelversen und ausgelassenen Scherzen, machen sich Fratzengesichter von ausgehöhlter Rinde, rufen dich Bacchus an in fröhlichen Liedern, und hängen dir zu Ehren Schaukelbilderchen auf hohen Fichten auf. Davon gedeihen alle Weinberge zu reichem Ertrage, füllen sich Thäler und Gründe und Hügel, zu denen der Gott sein herrliches Antlitz gewendet hat. Darum wollen wir mit Gebühr des Bacchus Lob feiern mit herkömmlichen Liedern, und ihm gefüllte Schüsseln und Kuchen darbringen, und beim Horne geführt stehe der Bock vor dem Altar, und sein fettes Eingeweide brate am Spieß.“ Hierzu muß eine Schilderung gefügt werden, welche Augustin (VII. 21) von demselben Feste entwirft: „Welchen Grad von Schändlichkeit die Verehrung des Liber erstiegen hat, ist schwer zu sagen. Unter Anderem, was zu erzählen zu umständlich wäre, meldet Varro, daß auf den Straßen Italiens gewisse Ceremonien mit so großer Schändlichkeit begangen wurden, daß man zu Ehren des Liber männliche Schamteile verehrte, und die Liederlichkeit nicht wenigstens in der doch noch etwas verschämteren Heimlichkeit, sondern auf offener Straße ihr Wesen trieb. Denn dieses scheußliche Glied wurde in den Festtagen des Liber mit großer Wichtigkeit auf ein Gestell gepflanzt und erst auf dem Lande die Wege und Straßen entlang und hernach bis in die Stadt herumgeschleppt. In dem Städtchen Lavinium aber wurde dem Liber allein ein ganzer Monat gewidmet, wo alle Tage die unzüchtigsten Reden zu hören waren, bis das Glied über den Marktplatz getragen und wieder an Ort und Stelle gebracht war: und diesem unehrbaren Gliede mußte die ehrbarste Matrone vor den Augen aller Welt einen Kranz aufsetzen. Freilich, so mußte der Gott Liber zum Gedeihen der Aussaaten günstig gemacht, so der Einfluß böser Dämonen von den Feldern getrieben werden, daß die Matrone auf offener Straße zu thun gezwungen wurde, was der Lustdirne im Theater nicht zu gestatten war, wenn Matronen zusähen!“
Noch gegen Ausgang des Mittelalters herrschte bei der Weinlese in Unteritalien ein an diese alten Bacchusfeiern stark erinnernder Ton; so schreibt z. B. in seiner Geschichte Nolas (Historia Nolana lib. III. c. 14) Ambrogio Leone: „Die Winzer scheinen an dem Tage, wo sie die Traubenlese besorgen und überhaupt während der ganzen Weinernte voller Bacchustaumel und geradezu toll zu sein. Dreierlei Dinge üben sie gegen alles gewöhnliche Maß aus, Essen, Weinlese und übermütigen Lärm. Ja, auf dem Felde selbst, wo sie Traube schneiden, rufen sie unaufhörlich schamlose Worte und sprechen von unzüchtigen Dingen, als wenn ihre Gier nur auf unsittlichste Wollust gerichtet wäre. Es ist Landessitte, diese Ungebundenheit zu dulden. Wenn aber einer darüber mit ihnen schelten sollte, so lachen sie ihn aus und strecken wohl gar die Zunge vor ihm aus; keine Scham; alle Ehrbarkeit scheint ausgetilgt zu sein, die größte Zügellosigkeit in Reden und allgemeine Ausgelassenheit wird zur Schau getragen. Kurz, sie treten nicht mehr wie Menschen, sondern wie Satyre und Bacchuspriester auf.“
Man nannte die unzüchtigen Lieder und Verse, die bei diesen Festen improvisiert wurden, fescenninisch; vermutlich hängt das Wort zusammen mit fascinum = Phallus (italienisch fescina, zugleich ein phallusartig geformter Korb zum Traubenpflücken[628]). Jedenfalls ist diese Ableitung natürlicher, als die bisher bei den Philologen beliebte von der in Unteritalien belegenen Stadt Fescennium (Georges' Lexikon).
Die geistreichsten Verse der Art hat wohl ein Zeitgenosse Bruno's, der neapolitanische Dichter Tansillo in seinem aus formvollendeten Ottave Rime bestehenden „Winzer“ (vendemmiatore) gedichtet; er entschuldigt ihren allerdings bedenklich obscönen Inhalt in der Vorrede, wie folgt: „In jedem anderen Lande, als dem meinen, wohin diese Reime gebracht würden, würden sie ihre Anmut verlieren, wenn sie solche überhaupt besitzen; und dies zumal, wenn sie Leuten in die Hände fielen, die den Brauch meiner Heimat nicht kennen. Dieser Brauch gestattet nämlich zur Zeit der Weinlese dem niedrigsten Arbeiter, dem vornehmsten Herrn und der vornehmsten Dame die gröbsten Anstößigkeiten zu sagen, zumal wenn er (der Winzer) auf der Leiter an einem Baum[629] steht und die Trauben pflückt und die nun zufällig Vorüberkommenden anredet, und in dieser Situation ist mein Winzer zu denken, der die Trauben schneidet und den unten stehenden Frauen zuwirft.“
Mit der griechischen Afrodite hat eine Ähnlichkeit die römische Göttin der Blüten und Blumen, Flora.