Die spätere euhemeristische Mythologie erzählte, Flora sei ein besonders schönes Freudenmädchen gewesen, das sich durch Preisgebung seiner Reize ein sehr großes Vermögen erworben und dieses dann als Erbschaft dem römischen Volke hinterlassen habe. Übrigens gehörte ihr Dienst zu den ältesten in Rom, und wenn jene Erzählung von dem patriotischen Testament eines Freudenmädchens auch historisch begründet sein mag, so kann sie doch nicht zur Erklärung des Floralienfestes dienen, das gegen Ende April (vom 28. April bis 1. Mai) gefeiert wurde. Allerdings spielten an diesem Feste, das ebenfalls mit besonderer „Freiheit des Scherzes“, wie Ovid sagt, begangen wurde, die Freudenmädchen eine hervorragende Rolle in Rom; sie ergötzten das Volk mit obscönen Tänzen, pflegten sich vor aller Augen ganz zu entkleiden und jungen Hasen und Rehen nachzujagen oder Ringkämpfe aufzuführen. „Warum aber der Stand der öffentlichen Buhlerinnen die Spiele der Flora besonders ehrt“, sagt Ovid, „davon ist der Grund leicht zu erkennen. Sie ist nicht Göttin vom ernsten und vielversprechenden Haufen, sie wünscht, ihr Fest stehe dem plebejischen Chore frei. Auch fordert sie auf, die Blüte des Alters, so lange sie dauert, zu genießen: die Dornen verachtet man, wenn sie abgefallen sind.“ – Auch die anderen Frauen und Mädchen trugen an diesem Feste gegen sonstige Sitte auffallend bunte Kleider und nahmen einen freieren Scherz nicht übel. „Ganz wird die Schläfe mit festgenähten Kränzen umwunden“, singt Ovid, „und der kostbare Tisch wird von darauf gestreuten Rosen verdeckt. Berauscht tanzt der Gast, das Haar umflochten mit Lindenbast und übt die Kunst des Weintrinkens in maßlosem Grade. Trunken tanzt er an des schönen Liebchen harter Schwelle. Um sein gesalbtes Haupthaar hängen weiche Kränze. Bacchus liebt Blumen; daß Kränze dem Bacchus gefielen, kannst Du aus dem Gestirne der Ariadne entnehmen.“ – Bis tief in die Nacht hinein wurden die Spiele fortgesetzt, bei Fackelschein, „entweder weil von purpurnen Blumen die Fluren leuchten“, sagt Flora bei Ovid, „scheint sich der Fackelschein für meine festlichen Tage zu schicken, oder weil weder die Blüte noch die Flamme von matter Farbe ist, und beider Glanz die Augen auf sich zieht, oder weil nächtliche Freiheit meinen Vergnügungen gemäßer ist. Die dritte Ursache ist näher der Wahrheit.

Andrerseits ist aber auch wieder die römische Venus keineswegs kongruent mit der reizendsten aller antiken Göttergestalten, der griechischen Afrodite. Erst spätere Dichter, wie besonders Lucretius, dessen Widmungsverse an die Venus berühmt sind, und Ovid haben überhaupt die Venus der Römer zu der Bedeutung erhoben, welche sie jetzt noch in unserem mythologischen Vorstellungskreise beansprucht. Vielleicht nicht ohne Einfluß darauf war die Tradition der Julier, die ja bekanntlich ihren Stammbaum auf Aeneas, den Sohn der Afrodite-Venus und des Anchises zurückführten. – Aber während Venus Afrodite eine von hellenischer Ästhetik zur Göttin der Schönheit verklärte Naturgottheit war, symbolisierte oder personifizierte die Venus der alten Römer, wiewohl auch sie schon den Begriff des Reizes und der Anmut (venustas) mit einschloß, doch in erster Linie nur den Sinnengenuß und stand insofern nicht viel höher als Volupia, die eigentliche Göttin der Wollust. In den Kapellen der letzteren pflegte man merkwürdigerweise Bildsäulen eines geradezu entgegengesetzten Wesens mit aufzustellen, nämlich der Angeronia oder Angstgöttin, deren Mund verschlossen und versiegelt war; vielleicht glaubte man sich diesen gefürchteten Dämon dadurch gerade geneigt zu machen und fernzuhalten, daß man ihn im Tempel der Wonne aufstellte.

Das Fest der Venus ward am 1. April begangen, welcher Monat ihr besonders geweiht war und nach Ovids Meinung auch nach ihr benannt ist (Aprilis, Aphrilis, ἀφριλις, Aphrodite).

An diesem Tage pflegten die Frauen das Marmorbild der Göttin zu entkleiden und in Myrtenwasser zu baden und dann mit Rosen und goldenen Ketten zu schmücken. Die Myrte ist bekanntlich der Strauch der Venus, weshalb heutzutage noch der Myrtenkranz das Haupt der Bräute schmückt. Auch führt Venus von der Myrte den Namen Murtea. Auch pflegten sich die „Mütter und Schwiegertöchter Latiums, und die, von denen Binden und lange Gewande fern sind“ (die Buhlerinnen) unter grünender Myrte zu baden. „Denn“, erzählt Ovid, „am Ufer trocknete einst Venus nackt die triefenden Haare; der Satyrn schalkhafter Haufen bemerkt die Göttin. Sie sah es und verhüllte ihren Körper mit vorgepflanzten Myrten. Gesichert war sie durch das, was sie that und gebietet nun Euch, es nachzuahmen.“

Andere Beinamen der Venus waren Placida, Genitrix, Verticordia (Herzenswenderin), Calva und Cloacina. Die beiden letzteren Namen haben zu manchen Deutungen Anlaß gegeben; wahrscheinlich bedeutet calva nicht die „kahle“, „geschorene“, sondern kommt von calvere = foppen, und bezieht sich auf die Launen der Verliebten. Cloacina aber kommt nicht, wie boshafter Weise einige Kirchenväter meinen, direkt von Cloake, sondern hängt mit cloare = reinigen, zusammen.

„Wenn nämlich der strenggesetzliche Römer eine Göttin des fleischlichen Liebesgenusses verehrte“, meint Hartung a. a. O. 250, „so läßt sich denken, daß er dabei keine ungeregelte Wollust beabsichtigte und die Lustgöttin nicht um der Lust selbst, sondern um der dabei zu wünschenden Reinheit willen anrief. Diese Reinhaltung nun wurde dem Charakter der alten Römer gemäß zumeist äußerlich und körperlich geübt, so daß Abspülung und Abwaschung, vielleicht auch, wie Plinius andeutet, Beräucherung mit Myrtenreis, nach jedesmaligem Genusse die Hauptsache war: und zu diesem Zwecke wurde die Venus Cloacina verehrt.“ – Ein Fragezeichen scheint mir hinter diese Gelehrten-Hypothese nicht unangebracht.