Unter den weiblichen Gottheiten ist noch zu erwähnen Minerva, die ganz der griechischen Pallas entspricht, der jungfräuliche Typus der überlegenden, erfindenden Geisteskraft; sodann vor allem Vesta, die griechische Hestia, die Göttin des Herdfeuers. In ihrem auf dem Forum befindlichen runden Tempel, – nach Plutarch rund, weil er das Weltall vorstellt, in dessen Mitte die Pythagoräer das Feuer setzen, wurde das unauslöschliche Feuer von den sechs vestalischen Jungfrauen gehütet. Die Jungfräulichkeit der Vestalinnen soll nach Plutarch, der bemerkt, daß der Dienst der Hestia in Griechenland vielmehr Witwen anvertraut wurde, deshalb gefordert sein, weil man das reine und unvergängliche Wesen des Feuers nur reinen und unbefleckten Körpern anvertrauen wollte oder zwischen der Jungfrauschaft und der Unfruchtbarkeit dieses Elements einige Ähnlichkeit zu finden glaubte. Die Vestalinnen, welche aus den vornehmsten Mädchen im jugendlichen Alter von sechs bis zehn Jahren ausgeloost wurden, wurden für die ihnen zur strengsten Pflicht gemachte Keuschheit durch zahllose Vorrechte entschädigt. Plutarch zählt als solche auf, daß sie noch bei Lebzeiten des Vaters ein Testament machen durften, und – eine in Ansehung des Keuschheitsgelübdes sonderbare Fiktion –, jus trium liberorum besaßen, d. h. alle erbrechtlichen Vorteile, sowie die Freiheit von Vormundschaft, die für andere weibliche Personen mit dem Besitz dreier Kinder verbunden waren. Wenn sie öffentlich erschienen, ging ein Liktor vor ihnen her. Begegnete eine Vestalin zufällig einem zum Tode geführten Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Doch mußte die Vestalin schwören, daß die Begegnung nicht absichtlich veranlaßt war. Der Bruch des Keuschheitsgelübdes bei den Vestalinnen wurde streng geahndet, der Verführer zu Tode gegeißelt, die Priesterin lebendig begraben.
Gleichzeitig mit dem Dienste der Vesta soll derjenige des eigentlichen Feuergotts Vulcan von Romulus und Tatius gegründet sein. Über den Kultus dieses Gottes, der keine große Rolle spielte, ist nur zu bemerken, daß ihm seltsamer Weise mit Vorliebe Fische geopfert wurden, um durch die Bewohner des feuchten Elements die Gewalt des Feuergeistes gleichsam auf magische Weise zu besänftigen.
Die ursprüngliche Hirtenreligion kennzeichnet endlich die Verehrung des Faunus, dessen Wesen Dionysius, röm. Gesch. V, 16, mit den Worten bezeichnet: „Die Römer schreiben diesem Dämon alles Panische und alle gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen zu Gesichte kommen, und betrachten alle seltsamen, das Gehör erschreckenden Rufe als sein Werk.“ Der Name bezeichnete allmählich nicht mehr ein Individuum, sondern eine ganze Gattung, die Faune oder Silvane, lüsterne koboldartige Wesen, von denen es hieß, daß sie mit Vorliebe die Nymphen, aber auch Frauen im Schlafe zu überfallen liebten. Wegen dieser Eigenschaft führten sie die Beinamen Ficarii[630] und Incubi. Hartung meint, daß Alpdrücken und ähnliche Traumerscheinungen den psychologischen Ursprung dieser Dämonengattung gebildet haben.
Die Tochter des Faunus, Fauna, auch Fatua oder Oma genannt, wurde als gute Göttin, bona Dea, verehrt. Sie bildet einen seltsamen Kontrast zu ihrem Vater durch ihre Keuschheit, die sie bis zu dem Grade wahrte, daß nicht einmal der Name einer Mannsperson in ihrer Nähe genannt werden durfte. Der Grund war ihr Prophetentum. Denn bekanntlich ist eine allgemein geglaubte occultistische Voraussetzung der Sehergabe die unbedingte sexuelle Enthaltsamkeit. Ihr Fest wurde nur von Frauen begangen, und zwar im Hause des jedesmaligen Praetor urbanus. Das Haus desselben mußte dann von allen Personen männlichen Geschlechts geräumt werden, nicht einmal Bildnisse derselben wurden geduldet. Die Frauen mußten sich durch mehrtägige Enthaltung zum Feste vorbereiten. Die Feier selbst, die von Vestalinnen geleitet wurde, endete damit, daß die Frauen durch Musik und übermäßigen Weingenuß sich berauschten, um in einen Zustand ekstatischer Verzückung zu geraten. Das Fest hatte große Ähnlichkeit mit den Thesmophorien oder auch mit orphischen Geheimkulten. Hiernach kann man die Größe des Skandals ermessen, den der Demagoge und Wüstling Clodius, der bekannte Gegner Ciceros und Freund Cäsars, dadurch bereitete, daß er, als dieses Fest im Hause Cäsars gefeiert wurde, der gerade Prätor war, begünstigt von der Pompeja, Cäsars Gemahlin, mit der er im ehebrecherischen Einverständnis stand, sich als Harfenspielerin verkleidet einschlich. Vergl. Plutarch, Leben Cäsars, Kap. 9 u. 10. Ciceros Briefe an Attikus I, 13.
Der eigentliche Hirtengott aber war Pales, den merkwürdigerweise einige Dichter, z. B. Ovid, als weibliche Gottheit bezeichnen, sodaß spätere ihn sogar für einen Zwittergott erklärten. Der spätere Gott der Gärten, Priapus, ist jedoch, wie schon sein Beiname als Gott von Lampsacus bezeugt, eine griechische Erfindung. Dagegen war der Phalluskult, der sich später mit dieser Göttergestalt verknüpft, schon der ältesten Zeit nicht fremd. Seine altrömische Bezeichnung war Fascinum und der ihn führende Gott hieß Fascinus, auch Mutinus oder Tutinus. Er galt als kräftigstes Mittel gegen jede böse magische Einwirkung und sein Bild wurde aus diesem Grunde im Haus und Hof, auf dem Herde und bei jeder Einfriedigung (Hortus), daher Gartengott, aufgepflanzt.
Um der Ehe Glück und Segen zu verbürgen, mußte sich sogar die Braut vor der Hochzeitsnacht auf den kolossalen Fascinus am Herde setzen. Daß die sog. fescenninischen Verse ihre Bezeichnung dem Fascinus verdanken, also nur ein anderes Wort für Priapejen sind, wurde schon erwähnt. Praefiscine, die Anrufung des Fascinus, war der übliche Ausruf der Römer, wenn sie etwas lobten oder für gut befanden, und hatte etwa die Bedeutung der deutschen Volksredensart: „Unberufen, unbeschrieen, dreimal unter'm Tisch geklopft!“
Wir könnten diese mythologische Gallerie noch durch eine ganze Reihe von Göttern und Genien zweiten Ranges vervollständigen, z. B. die Anna Perenna, welche Gesundheit und unversiegliche Lebensdauer symbolisiert, und die in Mädchengesellschaften mit Rücksicht auf ein verliebtes Abenteuer, das Mars mit ihr hatte, durch zotige Lieder gefeiert wurde, ferner die Acca Laurentia, bei der es sich ebenso um die Apotheose eines Freudenmädchens handelt, wie bei der Flora. Vgl. Plutarch, Romulus Kap. 5:
„Ein Tempelaufseher des Herkules kam einst, vermutlich aus langer Weile auf den Einfall, mit dem Gotte Würfel zu spielen und machte dabei aus, wenn er gewönne, sollte der Gott ihm irgend etwas zu gute thun, verlöre er aber, so wollte er ihm eine gute Mahlzeit bereiten und überdies ein schönes Mädchen verschaffen, um bei ihr zu schlafen. Auf diese Bedingung warf er zuerst für Herkules und dann für sich selbst, und da fand sichs, daß er verloren hatte. Der Tempelaufseher, der es für seine Pflicht hielt, das, was ausgemacht war, genau zu erfüllen, veranstaltete für den Gott ein Abendessen und mietete die Laurentia, ein im besten Rufe stehendes schönes Freudenmädchen. Diese bewirtete er im Tempel, wo er ein Bett bereitet hatte, und nach Tische schloß er sie ein, als wenn nun der Gott zu ihr kommen sollte. Herkules, sagt man, besuchte sie auch wirklich und befahl ihr, des Morgens auf den Markt zu gehen und den ersten, der ihr begegnen würde, sich durch einen Kuß zum Freunde zu machen. Es begegnete ihr ein Bürger, namens Tarrutius, der schon ziemlich bei Jahren war, aber ein ansehnliches Vermögen besaß und bisher ohne Frau und Kinder gelebt hatte. Dieser Mann machte mit ihr Bekanntschaft und gewann sie so lieb, daß er sie bei seinem Tode zur Erbin seiner bedeutenden und schönen Güter einsetzte, wovon sie dann später den größten Teil durch ein Vermächtnis dem Volke zuwandte. Sie soll, da sie schon in großem Rufe stand und für eine besondere Freundin der Göttin gehalten wurde, gerade an dem Orte verschwunden sein, wo die ältere Larentia begraben lag.“ – Diese ältere Larentia aber war die Wölfin (lupa), die den Romulus gesäugt hatte. Dabei verfehlt Plutarch nicht zu erinnern, daß Lupa bei den Lateinern sowohl eine Wölfin als ein geiles Frauenzimmer bedeute. An diese Larentia, die auch Laurentia genannt wird, knüpfte sich die Entstehung einer den bereits erwähnten Luperci ähnlichen Priesterbrüderschaft, der sog. Arvalbrüder. Dieselbe soll nämlich vom Romulus (oder Herkules) zwölf Söhne gehabt haben, mit denen sie alljährlich einmal einen Umzug um die Felder hielt und für die Fruchtbarkeit des Landes betete. Die diesem Vorbilde entsprechend gestiftete, aus 12 Personen bestehende Arvalbrüderschaft trug als Abzeichen Ährenkränze mit weißen Binden und hielt alljährlich einen Umzug durch die Felder, worauf sie zur Entsündigung der Felder das suovetaurilium opferte.