Diese politische Weisheit dürfte erstens fehlgreifen in ihrer geschichtlichen Ansicht, sofern sie eine Religion, die naturwüchsig aus dem Volke hervorgegangen, als ein Machwerk politischer Kunst erklärt. Sie dürfte aber auch pragmatisch nur für Staatswesen zutreffen, die von vornherein auf eine unnatürliche demokratische Grundlage gestellt sind und deshalb unsichtbarer, trügerischer, im schlechtesten Sinne „politischer“ Mittel bedürfen, um die Menge zu leiten. Richtig ist zwar, daß kein Staat und kein Volk ohne irgend welche Volksmetaphysik auskommen kann, und daß daher jeder vernünftige Politiker alle Art rein negativer sog. Volksaufklärung verurteilen wird. Aber andrerseits ist auch eine rein negative Aufklärung der herrschenden Gruppen im Staate auf die Dauer unhaltbar und dem Staate verderblich; denn unmöglich läßt sich durch Heuchelei der Staat erhalten. Ohne Metaphysik keine Ethik, und ohne irgend welchen Glauben an Übersinnliches keine Moral. Der Moral bedürfen auch die regierenden Elemente, ja diese erst recht. Gerechtfertigt ist nur die Forderung, daß die gebildeten Elemente eines Volkes nicht dem voreiligen Bedürfnis nachgeben sollen, der nur für gröbere Vorstellungen reifen Masse ihre wissenschaftlich geläuterte Weltanschauung einzuflößen. Denn Einreißen ist leichter als Aufbauen.
Das lehrt auch die Gegenwart, in der wesentlich die immermehr zunehmende Religionslosigkeit der Massen eine soziale Gefahr heraufzubeschwören scheint.
[Drittes Kapitel.]
Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.
Dafür, daß wenigstens der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit aus einer allgemein menschlichen Prädisposition hervorgeht, scheint mir kaum eine kulturhistorische Thatsache eindringlicher zu sprechen, als die hervorragende Rolle, die dieser Glaube in sehr ausgeprägter Form bei den nüchternen, so ganz auf das Diesseits gerichteten Römern gespielt hat, deren fast metaphysikfreie, rein naturalistische, nur die Interessen des natürlichen und bürgerlichen Lebens hypostasierende Religion uns das vorstehende Kapitel im Umriß zeichnete. Offenbar muß dieser Glaube, wenn ihn sogar ein so sehr vom Zwecktriebe beherrschtes und durch ihn zur Weltherrschaft berufenes Volk in ganz besonderem Grade kultivierte, eine sozial sehr zweckmäßige Eigenschaft sein, eine Eigenschaft, die sich im Kampf der Völker ums Dasein bewährt. – Hängt nicht aber das Wort Wahrheit sprachgeschichtlich mit bewähren zusammen, und sollte nicht der Schluß gerechtfertigt sein, daß ein Glaube, der sich praktisch für Völker und Individuen als zweckmäßig bewährt, unmöglich eitel sein kann? Oder giebt es auch zweckmäßige Irrtümer und Wahnideeen? Vielleicht ist dieser mein Gedanke nur eine modernere Fassung dessen, was Kant mit seinem Beweise aus den Postulaten der praktischen Vernunft sagen wollte.
Genien, Laren oder Manen und Lemuren bezeichnen in der lateinischen Sprache drei Klassen oder Zustände des unsterblichen Teils der menschlichen Individualität.
Genius kommt von gignere = zeugen. Genius ist der schon vor der Geburt existierende transcendentale Keim und Kern des Menschenwesens und damit zugleich das Göttliche und Unvergängliche im Individuum. Hören wir darüber den nicht aus griechischer Philosophie, sondern aus altrömischer Religionskunde schöpfenden Varro: Der Mensch, sagt er, besteht aus drei Teilen, erstlich dem vegetabilischen ohne Sinn und Empfindung, zweitens dem animalischen mit Sinn und Empfindung aber ohne Selbstbewußtsein, drittens dem geistigen mit Vernunft und Selbstbewußtsein. Alle drei zeigen sich in der menschlichen Natur vereinigt, nämlich die erste in den Nägeln, Haaren und Gebeinen, die zweite in den Sinnesorganen, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Gefühl, die dritte im Geiste. Die dritte ist es, die im Menschen genius, der das Leben zeugende, im Universum deus, Gott heißt. Denn auch im Universum sind die analogen Teile wiederzufinden, insofern z. B. die Erde mit dem Steinreiche den Gebeinen, Sonne, Mond und Sterne den Sinnesorganen, dem Geist oder Genius aber der alles durchdringende Äther, welcher auch den Gestirnen, der Erde und dem Meere emanierte Teile seines Wesens als besondere Gottheiten mitteilt, entsprechen.
Daß dies nicht pythagoräisch-platonische Philosopheme, sondern echtrömische, wahrscheinlich aus uralt arischen Traditionen und von jenen Philosophen selber nur übernommene Sätze sind, ist leicht zu beweisen.