Fritz: Aber wenn das auf den Zucker kommt, so wird es doch in diesen einziehen. Überhaupt weiß ich immer noch nicht, was dann die breite Tupffläche soll. Von dieser kann doch keine Flüssigkeit in das feine Saugrohr eintreten.

Dr. E.: Nun, wir werden gleich sehen. — So, da habe ich sie glücklich erwischt. Hier, Fritz, hast du meine Lupe, und jetzt betrachte einmal die Tupffläche.

Fritz: Ih, die ist ja auf der ganzen Fläche naß, wie mit Wasser überzogen!

Dr. E.: Stimmt genau! Und der Grund hiervon ist eine höchst wunderbare Vorrichtung auf dieser Tupffläche, die wir allerdings nur mit dem Mikroskop deutlich erkennen können. Von der Mitte der beiden Polster nämlich, dort, wo das feine Saug- und Speichelrohr zwischen ihnen mündet, verlaufen über die ganze Fläche hin bis zum Rande strahlig gestellte feine Rinnen mit schmalem Längsspalt. Der Speicheltropfen, der aus dem Saugrohr heraustritt, verteilt sich daher sofort mittels dieser Rinnen über die ganze Fläche und haftet in feiner Schicht so fest auf derselben, daß er vom Zucker nicht aufgesogen wird. So löst sich denn der Zucker in diesem Speichel, die Lösung dringt durch die schmale Längsspalte in das Innere der Rinnen und wird von diesen aus durch das in ihrem Ausstrahlungspunkt gelegene Saugrohr in den Magen gesogen. Die Fliege macht sich also richtiges Zuckerwasser und trinkt es dann. —

Kurt: Es war doch wirklich merkwürdig, wie schnell der Zucker von unserer Fliege bemerkt wurde, beinah’, als wenn sie ihn gerochen hätte.

Dr. E.: Soviel ich weiß, riecht der Zucker überhaupt nicht. Und da sie ihn auch nicht gehört haben kann, so bleibt wohl nichts weiter übrig, als daß sie ihn gesehen hat. Groß genug sind ja ihre Augen dazu.

Fritz: O, von denen habe ich schon viel gelesen. Das sind diese seltsamen Facettenaugen, die auf der Fläche wie lauter kleine Sechsecke aussehen. Jedes Sechseck stellt ein Auge für sich dar, so daß die Fliege viele hundert Bilder von jedem Gegenstand mit einmal sieht.

Dr. E.: Es ist sehr nett von dir, Fritz, daß du diesen altberühmten Streit über das Sehen der Insekten nunmehr zum Austrag gebracht hast. Ich darf wohl annehmen, daß deine so sicher vorgetragene Behauptung auf gründlichen Untersuchungen beruht?

Fritz: Da habe ich also wohl eine große Dummheit gesagt?

Dr. E.: Nun, das gerade nicht. Aber die ganze Frage nach den Leistungen des Facettenauges ist gerade jetzt, nachdem in den letzten Jahren sehr umfassende und sorgfältige Studien über den Bau des Insektenauges gemacht sind, so wenig entschieden, daß es mir Spaß machte, dich so klug darüber reden zu hören. Noch heute stehen sich zwei Ansichten unvermittelt gegenüber, von denen die eine, zuerst von dem berühmten Johannes Müller begründete, behauptet, daß jede Facette nur einen einzigen Lichtpunkt auf die Netzhaut im Innern des Auges werfe, während die andere durch jede Facette ein ganzes Bild des betreffenden Gegenstandes auf der Netzhaut entstehen läßt. Beide Ansichten lassen sich verteidigen, und ihr habt hier so recht ein Beispiel, wie die Erforschung einer Lebenserscheinung oft um so schwieriger zu werden scheint, je eingehender man dieselbe studiert hat.