Kurt: Aber man muß doch beurteilen können, ob die Fliege gut oder schlecht sieht.

Dr. E.: Selbst das ist keine so leichte Sache. Versuche hierüber sind natürlich angestellt, und zwar in großer Zahl. Man kennt für verschiedene Insekten annähernd die Entfernungen, in welchen sie Gegenstände von bestimmter Größe und Farbe wahrnehmen, man weiß, daß sie sich manchmal irren, und daß sie bewegte Körper leichter sehen als ruhende. Ein sicheres Urteil aber darüber, mit welcher Klarheit irgendein Gegenstand den Tieren zum Bewußtsein kommt, ob scharf und deutlich, ob verschwommen und nur in groben Umrissen, das weiß zurzeit niemand zu sagen.

Fritz: Ist es nicht merkwürdig, daß die Fliege ihre Augen nicht bewegen kann?

Dr. E.: Ja, das ist wieder ein Punkt, der beweist, wie anders das Sehen bei den Insekten eingerichtet sein muß als bei uns. Wenn wir etwas genau betrachten wollen, drehen wir das Auge so, daß das Bild des Gegenstandes auf den Punkt des deutlichsten Sehens, auf den sogenannten „gelben Fleck“ in der Netzhaut fällt. Für die Insektenaugen werden wir wohl annehmen müssen, daß bei jeder der vielen Facetten eines Auges die Lichtpunkte eines Gegenstandes mit gleicher Deutlichkeit von der hinter der Facette liegenden kleinen Netzhaut aufgefangen werden. Da nun jedes Gesamtauge annähernd eine Halbkugel darstellt, so würde das Tier in der Tat nach allen Seiten hin gleich gut sehen können.

Fritz: Und Einrichtungen für das Nah- und Fernsehen gibt es auch nicht?

Dr. E.: Die scheinen durch den höchst eigenartigen Bau der Netzhaut selbst gegeben zu sein. Zudem haben viele Insekten, und so auch unsere Stubenfliege, noch eine zweite Sorte von Augen vorn an der Stirn, die sogenannten Punktaugen. Von diesen behaupten einige Forscher, daß sie zur Betrachtung ganz naher Gegenstände geeignet wären. — Doch nun wollen wir es für heute genug sein lassen. Ich denke, das wenige, was wir von unserer Hausgenossin besprechen konnten, wird schon genügt haben, um euch ein bißchen mehr Achtung vor diesem Kunstwerk der Natur einzuflößen.

Kopf und Fuß der Stubenfliege.

Zehnter Abend.