Dr. E.: Nur Geduld, Fritz! Bisher haben wir allerdings nur von dem Bandwurm gesprochen, der im Darm des Menschen lebt und der in seiner Jugend als sogenannte Finne im Fleisch des Rindes steckt. Wir konnten jedenfalls daraus lernen, daß diese seltsamen Geschöpfe in zwei einander sehr unähnlichen Zuständen auftreten, als rundliche, erbsengroße Finnenblase, und als viele Meter lange Bandwurmkette. Sodann ergab sich, daß beide Formen in zwei ganz verschiedenen Tieren, nämlich im Rind und im Menschen, ihren Wohnsitz haben. Nun aber kennt man eine ganze Menge solcher Bandwurmarten. Alle zeigen dieselbe Erscheinung der beiden verschiedenen Formen von Finne und Bandwurmkette, und alle sind in diesen beiden Zuständen auf zwei verschiedene Wohntiere angewiesen.
Kurt: Dann hat also der Hund auch so eine Finne, die im Menschen zum Bandwurm auswächst?
Dr. E.: Nicht doch, Kurt; diesmal ist die Sache gerade umgekehrt. Im Hunde, und zwar in dessen Darm lebt der Bandwurm[41], im Menschen hingegen die dazu gehörige Finne.
Fritz: Ei, da bin ich aber doch neugierig, wie die zueinander passen sollen! Wenn die Finne, die im Fleisch des Menschen sitzt, zu einem Bandwurm im Hunde werden soll, so müßte doch der Hund das Menschenfleisch erst fressen, gerade so, wie wir das rohe Beefsteak essen!
Dr. E.: Da hast du vollkommen recht, und ebenso sicher ist es wohl, daß dieses Ereignis bei zivilisierten Völkern nicht eintreten wird. Wir können daher von vornherein zugeben, daß alle Finnen des Hundebandwurms, die in den Menschen gelangt sind, zugrunde gehen, ohne zu ordentlichen Bandwürmern im Hunde auswachsen zu können. Aber die Erscheinung verliert vieles von ihrer Seltsamkeit, wenn wir erfahren, daß jene Finne im Körper der Menschen nur ein verirrter Gast ist. Die eigentlichen oder regelmäßigen Träger der Hundebandwurmfinnen sind das Schwein und die Wiederkäuer, deren Fleisch ja doch häufig genug den Hunden zur Nahrung dient.
Fritz: Das ist freilich etwas anderes. Aber nun ist mir immer noch unklar, wie der Mensch solche Finnen des Hundebandwurms bekommen kann.
Übertragung. Wirtswechsel der Bandwürmer
Dr. E.: Das macht sich jedenfalls viel leichter, als du zu glauben scheinst. Zunächst ist hervorzuheben, daß der Bandwurm des Hundes im Gegensatz zu seinem riesigen Vetter, dem Rinderbandwurm im Menschen, ganz außerordentlich klein ist. Er mißt nur einige Millimeter. Seine wenigen Gliederchen sind jedoch jedenfalls dicht mit mikroskopischen Eiern gefüllt, und gelangen wie gewöhnlich mit dem Kot nach außen. Nun wißt ihr, daß ein Hund vor nichts Ekel empfindet, sondern alles beschnuppert und alles beleckt. So kann es denn leicht geschehen, daß eines von diesen eiergefüllten Gliederchen oder auch nur ein kaum sichtbares Stückchen desselben an seiner Zunge hängen bleibt. Wie dann dieses Stückchen in euren Mund gelangt, wenn ihr euch allzu zärtlich mit dem Hund abgebt, will ich nicht weiter ausmalen. Genug, in Hunderten und Tausenden von Fällen geschieht es tatsächlich so. Aus den mikroskopischen Eierchen kriecht dann im Darm des Menschen wieder ein ebenso mikroskopisches kleines rundes Tierchen, das nun in derselben Weise wie die Rinderfinne in die Organe unseres Körpers gelangt.
Kurt: Aber ist denn das gar so schlimm, wenn wir nun wirklich ein paar solche Finnen in unserem Fleisch sitzen haben?
Dr. E.: Allerdings, und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens ist die Finne, welche dem winzigen Hundebandwurm entstammt, durchaus nicht so klein wie die Finne des Rindes, sondern sie kann sich zu einer faust-, ja kopfgroßen Blase mit unzähligen Bandwurmköpfchen im Innern entwickeln. Sodann aber sucht sie sich keineswegs immer die Fleischmassen des Körpers zum Wohnsitz aus, sondern sie wählt vielfach edlere Teile. Namentlich die Leber wird von ihr bevorzugt. Natürlich wird durch eine solche Geschwulst, die häufig genug aus vielen nebeneinander sitzenden oder auch ineinandergeschachtelten Blasen besteht, ein großer Teil des betreffenden Organs völlig zerstört, und oft kann nur eine kühne Operation vor dem sichern Tode retten.