Drehkrankheit der Schafe
Fritz: Ach, da denkst du wohl an den Wurm, der die Drehkrankheit verursacht?
Dr. E.: Freilich, Fritz! Hast du schon mal davon gehört?
Fritz: Ja, das ist eine große Blase, die im Gehirn der Schafe sitzt und sie ganz blödsinnig macht, so daß sie sich immer auf einem Beine drehen.
Dr. E.: Gewiß. Und diese hühnereigroße Blase im Schafsgehirn ist nichts als die Finne eines Bandwurms[45], der später als lange Kette im Darm des Hundes lebt.
Hans: Aber wovon weiß man denn, daß ein Schaf blödsinnig ist? Können die denn noch dümmer werden, als sie schon sind?
Dr. E.: Es ist ja wohl wahr, daß alle unsere Haustiere, soweit sie nicht Gefährten des Menschen wurden, wie der Hund und das Pferd, im Laufe der Jahrtausende geistig recht beschränkt geworden sind. Der Mensch hat ihnen ja alle die Sorgen abgenommen, welche das Denkvermögen der wilden Tiere immer aufs neue anregen. Der Mensch ist es, welcher für ihre Nahrung sorgt, sie vor Feinden und Gefahr beschützt, ihnen Obdach und Lager bereitet. So mußten denn unsere Haustiere, der Esel, das Rind, das Schwein und Schaf im Laufe der Zeit völlig verdummen. Sie sind uns ein warnendes Beispiel dafür, daß ein bequemes, sorgenloses Leben den Geist lähmt, und daß dessen Kräfte nur im Kampfe um das tägliche Brot zur vollen Entfaltung gelangen können. Trotz alledem ist ein geistig gesundes Schaf noch sehr wohl von einem blödsinnigen zu unterscheiden. Der stiere Blick, die eigentümlichen Drehbewegungen um ein fest aufgestemmtes Vorder- und Hinterbein, das Hin- und Hertaumeln und andere Erscheinungen, welche die oft völlige Bewußtlosigkeit des Tieres verraten, lehren uns auf den ersten Blick, daß wir es mit einem kranken Schafe zu tun haben. Wundern kann uns das übrigens nicht, denn wenn ein großer Teil des Gehirns zerstört ist, muß es natürlich auch mit dem Verstande zu Ende gehen.
Kurt: Aber ich denke, die Tiere haben überhaupt keinen Verstand.
Dr. E.: Das ist eine Ansicht, die allerdings ziemlich verbreitet ist und noch aus der Zeit stammt, wo der Mensch in seiner Überhebung die Kluft zwischen sich und dem Tier für viel größer hielt, als sie in Wirklichkeit ist. Von denen aber, welche die Handlungen der Tiere vorurteilsfrei beobachten, zweifelt wohl schwerlich jemand daran, daß das Empfinden sowohl wie das Denken bei den höheren Tieren recht wohl entwickelt ist.
Fritz: Daß unser Karo Freude empfinden kann, haben wir ja erst vorhin deutlich genug gesehen. Das kann man nicht bezweifeln. Ebenso merkt man es ganz genau, wenn er bös und zornig ist, oder wenn er Furcht hat. Ich denke aber, sein Handeln ist doch wohl weniger überlegt und bewußt, als vielmehr durch den Instinkt geleitet.