Instinkt. Verstand der Tiere

Dr. E.: Mit diesem unglücklichen Wort „Instinkt“ wird sehr viel Unfug getrieben. Man versteht ja darunter zweckmäßige Handlungen, die nicht durch Überlegung oder Erfahrung veranlaßt sein können, bei denen also gewissermaßen unbewußt von dem Tiere das Richtige getroffen wird. Ganz gewiß gibt es solche Handlungen bei den Tieren, wir brauchen nur etwa an den Nestbau der Vögel oder an die Kunstfertigkeiten der Insekten zu denken. Ebenso sicher aber ist, daß bei den höheren Tieren diese instinktiven Handlungen mehr und mehr zurücktreten und durch bewußte, auf eigenem Nachdenken beruhende ersetzt werden. Ganz verschwunden ist übrigens der Instinkt auch beim Menschen nicht. Namentlich bei Naturvölkern hat man in dieser Hinsicht sehr interessante Beobachtungen gemacht.

Kurt: Daß ein Hund denken kann, das glaube ich auch ganz gewiß. Als ich gestern zur Schule ging, stand vor einem Hause ein Hundewagen mit einem großen Ziehhund davor. Der Herr kam aus dem Hause zurück, ohne daß der Hund es bemerkte, und wollte den Wagen rückwärtsziehen. Der Hund aber stemmte sich mit aller Macht dagegen, weil er es für nicht in der Ordnung hielt, daß der Wagen zurückrollte. Als aber der Herr nach vorn gegangen war und sich dem Hunde gezeigt hatte, half er sofort selbst eifrig mit, den Wagen zurückzuziehen.

Dr. E.: Siehst du, Fritz, da hat Kurt ein sehr niedliches Stück wirklicher Überlegung eines Hundes beobachtet, wobei von Instinkt gar keine Rede sein kann. Zunächst haben wir das Pflichtbewußtsein, welches dem Tiere sagte, daß der Wagen da bleiben müsse, wo sein Herr ihn hingestellt. Daher der Widerstand, als der Wagen aus einem ihm unerklärlichen Grunde nach hinten rollt. Dann sofort beim Erscheinen des Herrn ein Begreifen der ganzen Sachlage, ein Verstehen der Absicht seines Herrn, die nun alsbald nach besten Kräften unterstützt wird. Ich glaube nicht, daß ein Mensch in diesem Falle anders hätte handeln können. Doch, es gibt ja Hunderte von Beispielen, wo Hunde durchaus darüber klar waren, daß ihr Herr in dringender Gefahr, wo sie Kinder aus dem Wasser gezogen, Hilfe herbeigerufen, Übeltäter zur Entdeckung gebracht und was sonst noch für kluge, überlegte Handlungen begangen haben. Jeder Hundefreund weiß, wie das Verständnis des Hundes für die menschlichen Verhältnisse ein ganz überraschendes ist. Auch das so oft zu beobachtende Träumen der Hunde beweist, daß sie selbst im Schlafe lebhafte Vorstellungen haben.

Fritz: Das will ich auch alles gern zugeben. Aber ich glaube doch, daß das Denken der Tiere sich sehr weit von dem der Menschen unterscheidet. Ich meine, daß ein Hund z. B. keinen verallgemeinerten oder abstrakten Begriff fassen kann.

Dr. E.: Mit dem Philosophieren wird es freilich wohl gute Wege haben. Daß die Tiere aber auch allgemeine Begriffe bilden, scheint mir kaum zweifelhaft. Die Vorstellung „Bettler“ hat so ziemlich jeder Hund und richtet danach sein Verhalten, auch wenn er den betreffenden Menschen zum erstenmal sieht. Ebenso wird er wohl Begriffe wie „Wald“, „schönes Wetter“, „Zufriedenheit“ aus seiner Erfahrung sich aufbauen. Wie weit indes diese Fähigkeit der Verallgemeinerung geht, ist schwer zu entscheiden. Um so weniger aber sind wir berechtigt, eine grundsätzliche Verschiedenheit des Denkvermögens bei Tieren und Menschen anzunehmen. In bezug auf Ausbildungsfähigkeit, das unterliegt gewiß keinem Zweifel, stehen die geistigen Kräfte des Hundes tief unter den unsrigen; dennoch dürfen wir nicht vergessen, daß es auch Menschenrassen gibt, die nicht bis drei zählen können, und denen die Fähigkeit, allgemeine Begriffe zu bilden, fast völlig mangelt.

Sprache

Fritz: Aber diese wilden Völkerschaften haben doch eine aus Worten zusammengesetzte Sprache!

Dr. E.: Ja, da hast du recht. Und die artikulierte Sprache ist auch wohl in geistiger Hinsicht der bedeutsamste Unterschied zwischen uns und den Tieren. Seine Gefühle und seine Wünsche durch Laute auszudrücken, ist ja auch der Hund imstande, so daß selbst der Mensch aus dem verschiedenartigen Bellen, Knurren, Heulen, Jaulen erkennt, was er empfindet; aber es fehlt doch die Wortbildung, und was jener amerikanische Professor unlängst von der Sprache der Affen berichtet hat, bedarf doch wohl noch weiterer Bestätigung. Derselbe behauptet nämlich, von den verschiedenen Affen, die er in zoologischen Gärten und in der freien Natur beobachtete, nach und nach über fünfzig Laute vernommen zu haben, die fast wortartig klingen und ganz bestimmte Dinge, wie „Nasses“, „Futter“, „Gefahr“ und so fort ausdrücken sollen. Unmöglich wäre eine solche Spezialisierung der Laute ja nicht, aber vorläufig haben wir wohl kaum Grund, die Affen in bezug auf das Vermögen, sich verständlich zu machen, auf eine viel höhere Stufe zu stellen, als unsere Hunde.

Fritz: Wäre es denn denkbar, daß die Sprache beim Menschen sich auch erst ganz allmählich aus einzelnen Lauten entwickelt hat, so etwa, wie es der Professor von den heutigen Affen behauptet?