Fritz: Hast du denn solche Palmen schon mal blühen sehen?

Dr. E.: Oft genug, Fritz. Am schönsten natürlich auf meinen Reisen nach Nordafrika und Ostindien, wo ja die Palmen als die eigentlichen Charakterpflanzen des Landes erscheinen. Aber auch schon auf Madeira und den Kanarischen Inseln ist das Klima günstig genug, um eine große Anzahl Arten derselben im Freien zur vollen Entwicklung und zum Blühen zu bringen. Selbst in Süditalien und Spanien gedeiht z. B. die Dattelpalme[46] im Freien, und in dem berühmten, an 60000 Stämme zählenden Palmenwalde von Elche in Südspanien bin ich einen ganzen Tag mit Entzücken umhergewandert und habe mich an den hier zur völligen Reife gelangenden Datteln gelabt. Eine andere Art, die sogenannte Zwergpalme[47], findet sich in diesen Ländern an felsigen Hängen sogar überall wild. — In gut gehaltenen hohen Gewächshäusern wachsen übrigens auch bei uns manche Palmen zu stattlichen Bäumen heran. So erinnere ich mich, in dem wundervollen Palmenhause der berühmten Kew gardens in London verschiedene Prachtexemplare in voller Blüte gesehen zu haben.

Fritz: Dann sind die Blüten wohl sehr hübsch?

Dr. E.: Das kann man nicht gerade sagen; die einzelnen Blüten sind sogar recht unscheinbar. Aber sie sind zu Hunderten und oft zu Tausenden zu gewaltigen Rispen vereinigt, welche in riesigen Büscheln oder Wedeln zwischen dem Schirmdach der Blätter sich herabsenken.

Hans: Und nachher werden das lauter Datteln oder Kokosnüsse?

Dr. E.: O, beileibe nicht. Die große Mehrzahl der Blüten kann gar keine Frucht ansetzen, denn sie enthalten nur Staubgefäße. Aus den Blüten mit Stempeln entwickeln sich aber selbst bei einer reich tragenden Kokospalme selten mehr als 100-150 Nüsse im Jahre. Bei andern Palmenarten, wie der Dattel, bleibt die eine Hälfte aller Bäume beständig ohne Früchte, da sie nur Staubgefäßblüten und keine Stempelblüten besitzen. Beide Arten von Blüten sind hier also auf verschiedene Stämme verteilt. Ein weiblicher Dattelbaum trägt dann allerdings später meist mehrere tausend Früchte.

Fritz: Ich habe mich schon oft gewundert, daß die Pflanzen, die doch zu derselben Familie der Palmen gehören, so verschiedene Früchte haben, wie Kokosnuß[48] und Dattel. Die eine ist eine kopfgroße, harte Nuß mit merkwürdiger Faserschicht um die holzige Schale, und die andere ist außen so fleischig, daß man sie wie eine Pflaume essen kann.

Dr. E.: Die Verschiedenheit ist doch nicht so groß, wie du denkst. Der Bau des Fruchtknotens ist bei allen Palmen der gleiche, und nur in der spätern Ausbildung oder Entwicklung der einzelnen Teile treten dann allerlei Besonderheiten auf. Daß die äußere Fruchtschale das eine Mal holzig, das andere Mal fleischig wird, findet sich ja beispielsweise auch bei unsern Nachtschattengewächsen: Der Stechapfel hat eine trockene, aufspringende Kapselfrucht, die Kartoffel eine Beere. Im innern Bau aber sind beide gleich.

Fritz: Was hat denn die dicke Faserschicht um die Kokosnuß für einen Zweck?

Dr. E.: Wenn ich dir nach der Anschauung recht vieler Menschen antworten wollte, welche glauben, daß alles in der Natur nur für sie da sei, so würde ich sagen: Damit der Mensch sich allerlei Flechtwerk, Besen, Bürsten und Matten daraus machen könne. Der Botaniker aber weiß, daß diese Faserschicht weiter nichts ist als ein rechter und echter Schwimmgürtel, durch den die Nüsse befähigt sind, weite Reisen zwischen den Inseln des Stillen Ozeans zu unternehmen. Die holzige Schicht darunter verhindert dabei das Eindringen des schädlichen Seewassers in den Kern, der sonst seine Keimkraft verlieren würde.