Dr. E.: Gut, Fritz. Ich will nur noch hinzufügen, daß die sechs Spinnwarzen der Kreuzspinne im ganzen über 1000 solcher Röhrchen tragen, während unsere Hausspinne deren immer noch gegen 400 besitzt. Aus jedem derselben kann nun der flüssige Spinnstoff in einem unendlich feinen Strahl herausgetrieben und zum Fädchen gepreßt werden, so daß demnach der dickste Faden, den die Spinne zu erzeugen vermag, aus 1000 durch ihre Klebrigkeit miteinander verschmolzenen Fädchen zusammengesetzt wäre. Doch ist es wohl sicher, daß nicht alle Spinnwarzen gleichzeitig in Tätigkeit treten. Will nun die Spinne ein Netz fertigen, so muß sie zunächst die Verbindung herstellen zwischen den Zweigen oder Bäumen, zwischen denen dasselbe ausgespannt sein soll. Man hat viel darüber gestritten, wie sie das anfängt. Die gewöhnliche Annahme war, daß sie damit beginnt, ihre Spinnwarzen gegen den Zweig zu drücken, auf dem sie sitzt, den austretenden Faden dadurch festklebt und sich nun fallen läßt. Durch das Gewicht ihres eigenen Körpers wird weiterer Spinnstoff aus den Drüsen herausgezogen, so daß sie bald an einem langen Faden hängt.

Fritz: O, dann kann ich mir schon denken, wie es weiter geht. Dann schwingt sie wahrscheinlich an dem Faden so lange hin und her, bis sie irgendwo den andern Baum mit ihren Füßen erreicht und nun den Faden hier befestigen kann.

Dr. E.: So ungefähr hat man sich tatsächlich den Hergang lange vorgestellt. Neuere Beobachtungen aber widersprechen dem sehr entschieden. Danach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Spinne die Fähigkeit besitzt, aus ihren Spinnwarzen lange Fäden frei herauszupressen oder herauszuschießen, die dann, mit dem Winde dahinflutend, an benachbarte Zweige oder Bäume derart sich anheften, daß sie ohne weiteres als Brücken benutzt werden können. Die Spinne braucht daher ihren Platz gar nicht zu verlassen und kann auf viel einfachere Weise, als man früher glaubte, die Verbindung mit benachbarten Gegenständen herstellen.

Hans: Wenn aber nun gar kein Wind ist, Papa? Dann können doch die Fäden nicht wegwehen.

Netz der Kreuzspinne

Dr. E.: Ein leichter Lufthauch, der feine Spinnwebfäden in Bewegung setzen kann, dürfte in der freien Natur wohl selten fehlen; außerdem scheint es, als wenn die Spinne bei ganz schwachem Winde noch eine andere Methode anwendet. Sie läßt sich dann so, wie ich es vorhin beschrieb, von ihrem Sitze an einem Faden herunter, der aber kein einfacher Strang ist, sondern außer dem sogenannten Begleitfaden, den das Tier immer nach sich zieht, noch ein ganzes Bündel feiner Fädchen enthält. Diese Fädchen werden, wenn die Spinne frei hängt, an der Mündung der Spinnwarzen abgekniffen oder abgerissen, so daß sie nun mit ihrem unteren Ende frei sind und durch die geringste Luftbewegung seitwärts zu benachbarten Gegenständen geführt werden, wo sie vermöge ihrer Klebrigkeit haften.

Fritz: Aber wenn die Spinne nun auch glücklich einen Faden etwa zwischen zwei Bäumen ausgespannt hat, so sehe ich noch immer nicht recht, wie daraus ein Netz werden kann.

Dr. E.: Das kommt daher, daß du ein solches Spinnennetz wohl noch niemals genauer angesehen hast. Sonst würdest du vielleicht darauf gekommen sein, daß das Wichtigste und Schwierigste der ganzen Anlage der sogenannte Rahmen ist, d. h. diejenigen besonders starken Fäden, welche schräg von einem Baum zum andern und wieder zurücklaufen und das eigentliche Rad zwischen sich zu tragen haben.

Fritz: Dann muß das Tier also jedenfalls, nachdem es auf dem ersten Faden zum andern Baum hinübergelangt ist, zunächst einen zweiten Faden herstellen, der wieder zum ersten Baum zurückführt.

Dr. E.: So wird es wohl in der Regel sein. Wenn wir nun beachten, daß der erste Faden von einem höhern Punkte schräg abwärts nach drüben verläuft und der zweite Faden in ähnlicher Weise etwa schräg abwärts zum ersten Baum zurück, so sehen wir, daß die beiden Fäden einen spitzen Winkel bilden, dessen Scheitelpunkt drüben am zweiten Baume liegt. Wenn die Spinne nun diese beiden Hauptfäden des Gewebes durch zwei senkrechte Fäden verbindet, von denen der eine nahe dem Scheitelpunkt des Winkels, der andere da angebracht ist, wo die Schenkel weiter auseinander stehen, so hat sie dadurch einen etwa trapezförmigen Rahmen geschaffen, in dem dann das eigentliche Netz seinen Platz findet. Ehe dies in Angriff genommen wird, müssen natürlich die Fäden des Rahmens erst gehörig straff gespannt werden, was durch Hilfsfäden, die nach verschiedenen Richtungen verlaufen, erreicht wird. Jetzt wird schräg durch den Rahmen ein Durchmesser gezogen und dann vom Mittelpunkt desselben aus eine Anzahl Strahlen nach allen Richtungen des Kreises, die an den Fäden des Rahmens befestigt werden. Ist auch dieses vollbracht, so sind endlich noch die Strahlen durch spiralförmig um den Mittelpunkt herumgeführte Fäden miteinander zu verbinden, und das Netz ist fertig. Die Spinne begibt sich nun meist in die Mitte des Netzes, wo sie mit ausgespreizten Beinen hängt, um jede Erschütterung an den Maschen des Netzes bemerken zu können.