Fritz: Ich finde es erstaunlich, Vater, wie gut die Vögel mit Hilfe ihres beweglichen Halses die schwere Aufgabe lösen, ohne Benutzung der vorderen Gliedmaßen auszukommen. Man sollte daher meinen, eine größere Beweglichkeit des Halses müßte auch für die Säugetiere immerhin noch von großem Nutzen sein.

Dr. E.: Die Sache hat doch auch sehr ihre zwei Seiten. Je länger der Hals und je zahlreicher seine Glieder, desto größere Muskelkraft wird natürlich erfordert, den schweren Kopf an dessen Ende im Gleichgewicht zu erhalten. Denkt euch nur einmal den Kopf eines Hirsches oder Ochsen auf einem langen beweglichen Schwanenhalse! Der Vogel hat denn auch die große Beweglichkeit seines Halses mit einem sehr empfindlichen Verlust bezahlen müssen, an den ihr sicherlich nicht denken werdet.

Kurt: Meinst du, daß er keine Hörner hat?

Dr. E.: Das wäre am Ende nicht so schlimm, denn die Raubtiere, Nagetiere, Affen usf. haben ja auch keine Hörner. Nein, der Verlust, von dem ich spreche, erscheint viel bedenklicher: dem Vogel sind seines Halses wegen die Zähne abhanden gekommen.

Fritz: Ist das wirklich dein Ernst, Vater? Was haben denn die Zähne mit dem langen Halse zu tun?

Dr. E.: Sehr viel, mein Junge. Um Zähne gehörig benutzen zu können, bedarf es kräftiger Knochen, auf welche sie sich stützen, und ebenso kräftiger Muskeln, durch welche sie gegeneinander bewegt werden. Wollen wir eine harte Nuß knacken, so nehmen wir dazu einen festen, eisernen Nußknacker. Wäre dies Instrument in derselben Dicke von Holz, so würde nicht die Nuß, wohl aber der Nußknacker beim Gebrauch zerbrechen. Von Holz müßte er eben bei weitem dicker und stärker sein. Gerade so ist es mit unsern Kiefern, die ja genau wie ein Nußknacker wirken. Sie müssen zum mindesten so stark gebaut sein, daß sie beim Zermalmen der Nahrung sich nicht biegen oder gar brechen, und sie müssen eine bedeutende Größe besitzen, um Platz für den Ansatz der dicken Muskeln zu bieten, durch welche sie bewegt werden. Beide Bedingungen sind aber nicht erfüllbar, ohne daß diese Knochen verhältnismäßig schwer werden, wie wir dies am Schädel der Säugetiere beobachten. Muß nun, infolge der größeren Länge und Beweglichkeit des Halses, der Kopf durchaus erleichtert werden, und geschieht dies mit auf Kosten der Kieferknochen, so ist es mit der Beißkraft vorbei, und die Zähne haben dann natürlich auch keinen Zweck mehr. So ist es gekommen, daß die Vögel im Laufe der Zeiten die Zähne verloren haben — früher hatten sie nämlich welche —, und daß die gesamten Knochen ihres Schädels eine so große Leichtigkeit erlangten, daß es kaum etwas Zierlicheres geben kann.

Kurt: Aber die Vögel müssen doch kauen, was sie essen!

Dr. E.: Die Fleischfresser haben das wohl kaum nötig, wie wir an den Raubtieren und den Schlangen sehen, die ja auch nicht kauen. Wohl aber die Körnerfresser. Nun, für diese hat sich ein ganz wunderbarer Ersatz gefunden, den man eigentlich nur beim Menschen vermuten sollte: sie bedienen sich nämlich falscher Zähne.

Kurt: Ach, jetzt machst du Scherz! Ein Vogel mit falschem Gebiß wäre doch zu komisch.

Kaumagen der Körnerfresser