Dr. E.: Das ist ja sehr schön, daß ihr mich so gut belehren könnt. Nun möchte ich aber doch auch wissen, warum denn das junge Pflänzchen im Samen so ganz anders aussieht, wie später, wenn es „gekeimt“ ist. Überhaupt scheint es mir, als wenn die jungen Pflanzen viel besser an der Wurzel oder unten am Stamm entständen, wo sie ja gleich Wurzel schlagen könnten, als oben an den Zweigen, von wo sie erst auf die Erde herunterfallen müssen, um zu ihrem natürlichen Standort am Boden zu gelangen.

Hans: Ja, Vati, ich glaube auch, daß das besser wäre, und bei den Kartoffeln ist es ja auch so.

Dr. E.: O weh, Hänschen! Da hast du einen bösen Bock geschossen. Freilich vermehrt sich die Kartoffelpflanze durch die bekannten Knollen unter der Erde; aber das sind ja keine Früchte, sondern verdickte Stücke der Stengel, die die Fähigkeit haben, zu selbständigen Pflanzen auszuwachsen!

Fritz: Wenn die jungen Pflänzchen sich an der Wurzel bildeten, so würden sie immer in unmittelbarer Nähe der Mutterpflanze wachsen, und die Art würde sich nicht ausbreiten können, wie es jetzt geschieht, wenn die Früchte herunterfallen und fortkugeln oder sonstwie an eine andere Stelle gelangen.

Dr. E.: Gut, Fritz. Ich merke, daß dir diese Dinge bekannt sind. Es ist in der Tat eine der notwendigsten Einrichtungen für die Pflanze, daß ihre Kinder nicht unmittelbar wieder neben ihr Wurzel fassen.

Kurt: Aber sie könnte sie doch beschützen! Und der Platz, wo die alte Pflanze gut gedeihen konnte, wird doch auch wohl für die jungen der passendste sein?!

Dr. E.: Höre, Kurt, ich will dir ein Gleichnis sagen. Denke dir einen Handwerker, etwa einen Goldschmied, in einem kleinen Städtchen. Er hat genügend zu tun, um sich und seine zahlreiche Familie zu ernähren. Aber seine fünf Söhne wachsen heran, sie werden alle ebenfalls Goldschmiede und lassen sich neben ihrem Vater im Städtchen nieder. Der Verdienst, der sonst dem Vater allein zufloß, verteilt sich nun auf sechs Familien, die sich jetzt auf das äußerste einschränken müssen, um durchzukommen. Vielleicht geht es aber noch gerade so, daß sie nicht zu hungern brauchen. Nun denke dir, die fünf Söhne hätten dann jeder wieder eine Anzahl Söhne, sagen wir durchschnittlich ebenfalls fünf, die auch nichts anderes werden möchten als Goldschmiede und sich im Orte niederließen, so wären weitere 25 Goldschmiedewerkstätten vorhanden, für die nun Arbeit und Verdienst völlig unzureichend sein müßte. Genau so würde es der Pflanze ergehen, wenn ihre Kinder immer wieder mit und neben ihr auf denselben Boden und dieselbe Nahrung angewiesen wären. Der Mensch hat ja, wie ihr wißt, viele Mittel, sich zu helfen. Die Söhne können etwas anderes werden als der Vater. Wollen sie aber durchaus Goldschmiede sein, so schnüren sie ihr Bündel, gehen auf die Wanderschaft und lassen sich nieder, wo es ihnen für ihr Fortkommen gutdünkt. Die Pflanze kann sich nicht anders ernähren, als wie es nun einmal ihre Natur verlangt; sie müßte ihrer Mutter das Brot vom Munde fortnehmen, auch wenn es ihr noch so schmerzlich wäre. So bleibt denn kein anderes Mittel als das Wandern, um neue Orte ausfindig zu machen, wo ein bescheidenes Pflänzchen noch etwas zu essen findet.

Hans: Ach, Vater, da muß ich an die schöne Geschichte denken von dem Blauveilchen, das sich auch aufs Wandern begibt und seine Würzelchen als Beine gebraucht.

Dr. E.: Ja, die Geschichte ist sehr niedlich, wenn es in der Wirklichkeit mit dem Wandern auch etwas anders aussieht. Der Mensch geht in die Fremde, wenn er erwachsen ist und sich selbständig durch die Welt schlagen kann. In solchem Alter aber sind die armen Pflanzen an den Boden gebannt, aus dem sie einen Teil ihrer Nahrung saugen. Die Pflanze muß daher wandern, wenn sie gewissermaßen noch in der Samenwiege liegt, die die Mutter ihr bereitet hat.

Kurt: Nun, sie braucht ja auch nicht so weit zu wandern, wenn sie einfach vom Baume herunterfällt.