Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner Schulaufgaben zu erledigen.
Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren, ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ. Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem ärgsten Widersacher nicht wünscht ...
Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde, in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...
Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ... Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Straßendirne.
In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...
Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken. Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...
Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.
Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!
Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig, daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt, sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.
Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen. Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in Dienst zu gehn.