Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe, und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach der Großstadt zurück.
In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich 1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer Zeit hinter Schloß und Riegel saß.
Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin, ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt, wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge? Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner Worte ...
Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre, Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe, zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.
Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis, sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!
Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“
V.
Natürlich war es Strauß nicht ohne weiteres möglich, diese Rede glatt und ruhig von der Leber weg vorzutragen.
Der Staatsanwalt unterbrach ihn immer wieder und forderte ihn auf, zur Sache, zum Bericht seiner Taten und deren Erklärung zu kommen. Man wollte von ihm andere Töne, eine Entschuldigung, Argumente konkreter Natur hören, die sich praktisch verwerten ließen ... sei es für oder wider ihn.
Aber der Angeklagte ließ sich nicht beirren. Mit der Hartnäckigkeit des Monomanen, von einer Idee besessen und ganz gebannt und überzeugt brachte er seinen Vortrag zu Ende.