Seine Verteidigung ist in Wahrheit eine Anklage, und zwar die Anklage eines Menschen, der um die Zusammenhänge besser Bescheid weiß, tiefer in die Verstrickung des Lebens in Schuld und Verhängnis eingedrungen ist als seine Ankläger. Es ist zugleich die Selbstanalyse eines Geistes, der von diesem tiefen und erschütternden Erlebnis, daß durch seine Hände, wenn auch unbedacht, ein Mensch sein Leben lassen mußte, zu tiefst aufgewühlt, einen neuen Weg vor Augen hat und ihn beschreiten will mit aller Energie, die einem Fanatiker, einem Büßer in Einsamkeit nur innewohnen kann.

Alle Möglichkeiten dieses fruchtbaren und unermüdlichen, verwirrten, gehetzten und zugleich klaren Geistes sind in diesem Vortrag enthalten. Aus abgründiger, stärkstes Medium der Selbsterhaltung gewordener Ironie heraus weiß er, daß es für ihn keine Rettung geben wird vor diesen Menschen, die von Amts wegen berufen sind, zu verurteilen.

Für ihn lag damals schon ein anderes Wissen um die Welt und ihre Zusammenhänge dicht vor Augen. Neues Wissen, neue Weisheit kann man sagen, strömte aus der christlichen Lehre in dieses weite und willige Gefäß. Verkehrte den Inhalt des Widerspenstigen, des Kämpfers um den Sinn der Freiheit, der Gewalt nie weichend, in das Gegenteil: Nachgiebigkeit, Verachten der Materie und der sinnenfälligen Zusammenhänge.

Aus jedem Satze seines Bekenntnisses spricht neben der tiefen, verschlossenen, vergrämten, vergrabenen Reue das Wissen um ein Anderes, Unsagbares, Höheres.

Dieses Wissen ist seine privateste Erfahrung, sein jüngstes Gericht und der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das bedeutet vor allem der isolierte und unmenschliche Ton der gedachten Worte.

Das ganze Elaborat will nichts anderes bedeuten als eine Korrektur am eigenen Leben, eine Erleichterung, eine Enthüllung zu eigenem Nutzen und zugleich eine boshafte, raffinierte ... Strafe am Körper der Justiz, die ihn mit zehn Jahren zum ersten Male brandmarkte, ihm einen Verweis erteilte, der ihn vorbestraft machte.

Von diesen Vorstrafen spricht er ebensowenig wie von seinen Verbrechen, deretwegen er jetzt angeklagt ist. Sie existieren für ihn nicht, nicht in seinem Leben, es sind Verhängnisse, die eine dunkle Macht, von der Gesellschaft entfesselt, gegen ihn mobilmachte.

Vor allem haben sie jeden Sinn in seinem neuen Leben verloren, das anknüpfen möchte an seine Jugend, die er mit der Rede heraufbeschwört. Die aber den großen Riß nicht verbergen kann und will, der seine Seele zerspaltete, als seine Mutter, die tiefe Bindung an alles Gute und Schöne, starb. Mit ihr ertrank alles, was bis dahin noch einen Schimmer von Wärme und Liebe bot in einem ekelhaften, unsauberen und verlogenen Milieu. Dem er zwar überlegen und doch verfallen war, das nicht sein Milieu und doch Gewalt über ihn gewann, dem er nicht entrinnen konnte. Ein gräßlicher Zwiespalt öffnete sich zu Auswegen in Verbrechen, in Diebstähle, Vagabundage und schloß sich immer zugleich mit Kerkermauern.

Die boten zwar Schutz vor den Gefahren, vor der eigenen Schwäche. Man konnte lesen, lernen, Französisch, Englisch, Mathematik, Geschichte, Literatur betreiben. Aber zugleich mit der enorm aufschießenden Erkenntnis, mit der Überfülle des Wissens und dem Glauben an seine Macht quoll auch die Bitternis über das verfehlte Leben empor. Die Sehnsucht nach der Freiheit, nach der Geltung entsprechend den Qualitäten, die man sich selbst in der eifrigen Arbeit an den Büchern bewiesen hatte.

Aber das Wilde, die Empfindsamkeit des Überreizten, des allzu Ausgehungerten nach Leben und Freiheit überwältigt ihn sogleich, sobald die überhitzten Häuser der Großstadt, der Tumult der Millionen ihn umfängt.