Er bricht aus den guten Vorsätzen der Zelle aus. Der Trieb nach Macht, dem der Geschwächte nichts Gleichwertiges an Beharrung entgegenzusetzen hat, reißt ihn hastig und hastiger mit sich fort.
Immer wieder sind es schwere Einbrüche, die ihn aufs neue in den Kerker bringen. Bei all diesen Taten ist das Seltsame, daß er nie Anstrengungen macht, zu entkommen, zu leugnen, sich zu entlasten. Mit einer geradezu Entsetzen erregenden Grausamkeit gegen sich selbst, mit fatalistischer Gelassenheit sagt er trocken und offen die Wahrheit.
Er stiehlt aber er sagt die Wahrheit! Man kann jedes seiner Worte auf die Goldwage legen. Keinerlei Beschönigungsversuche oder Verdrehungen des Sachverhaltes finden sich in seinen Aussagen ... Mann gegen Mann steht er gelassen für seine Taten ein. Dabei ist er sich über die Schonungslosigkeit seiner Gegner vollkommen im klaren. Er gibt sich keinerlei Täuschung hin und findet reichlichen Hohn über die freieste Gerichtsbarkeit der Welt. Wie kaum ein Zweiter hat er sie am eigenen Leibe gespürt, seit der frühesten Kindheit schwingt sie die Geißel über seinem Haupte.
Als unverbesserlicher Einbrecher, dem es zur zweiten Natur geworden scheint, fremdes Eigentum zu rauben, wird im Jahre 1911 zum ersten Male Zuchthaus gegen ihn verordnet. Er war damals vierundzwanzig Jahre alt. Saß die drei Jahre ab. Ohne Klage, ohne einen Verweis. Wird entlassen und begeht sofort einen neuen Einbruch. Wird erwischt und wiederum zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Sitzt auch diese Strafe ab und wird im Jahre 1917 entlassen.
Hier tritt eigentlich der jüngere Bruder, Erich Strauß, zum ersten Male deutlicher in Erscheinung.
Denn jetzt erhält der Kampf des Älteren einen doppelten Sinn. Wie ein Wilder setzt er alles ein, um seinen Bruder, der in der Entwicklung zurückgeblieben, an epileptischen Anfällen leidet, schwerhörig ist, vor dem gleichen Schicksal, dem er selbst verfallen scheint, zu bewahren.
Auch Erich hat sein gerüttelt Maß Strafen hinter sich. Aber es sind wohl zumeist geringere Delikte, wenn auch Diebstähle, die ihn ins Gefängnis brachten. Zusammen wohl zwei bis drei Jahre.
Erich erscheint neben seinem Bruder als der Unbedeutendere, der Ungeistige, und der Gewalt des Fanatikers durchaus hörig.
Aber zugleich ist er auch der Unglücklichere, durchaus bedauernswert, von Natur und durch Verhängnis an die Spuren eines in allem ihm überlegenen Menschen, des Einzigen, den es auf der Welt für ihn gibt, gekettet. Emil war für den Jüngeren Vater, Mutter, Bruder und Gott zugleich. Wußte er sich in Not, saßen ihm die Häscher auf den Fersen, erfand der Ältere den Ausweg. Rettete ihn aus dem Polizeipräsidium, aus dem Zuchthaus. Schwur, ihn zu befreien, und hielt Wort.