Das Duell zwischen der Intelligenz des Verbrechers und der Intelligenz der Polizei hatte bereits rein persönliche Züge angenommen.

Die Beamten kannten ihre Brüder und die Brüder kannten die einzelnen Jäger und ihre besonderen Fähigkeiten genau. Man gehörte zu einer Familie und setzte sich im Guten oder Bösen auseinander.

Emil Strauß gab den Kampf keineswegs auf. Aber er brauchte Zeit. Er mußte die Wärter in Sicherheit wiegen. Dank seiner Lammsgeduld, seiner guten Manieren hatte er es bald erreicht, daß man ihm weniger scharf auf die Finger sah. Seine ewig gleichbleibende Freundlichkeit hatte etwas Entnervendes, Einschläferndes.

Zwei Jahre hielt er es in Naugard aus.

Dann zersägte er die Gitterstäbe, kletterte über die Mauern. Wenige Stunden später war er wieder in Berlin.

Hier möchte ich eine kurze Charakteristik über Emil Strauß, die wohl auf diese Zeit seines Lebens Bezug hat und die sein Verteidiger, Herr Dr. Carl Loewenthal-Landegg, im „Tagebuch“ veröffentlichte, einflechten. Sie eröffnet eine merkwürdige Perspektive über den Denkprozeß unseres Helden. Offenbar gibt es für ihn oder gab es zumindest so etwas wie das legale Verbrechen oder Notwehr des einzelnen im Kampfe gegen den Staat. Eine Art von Urfehde mag ihm da vorgeschwebt haben. Irgendwo in dem Gefüge der Gesetze mußte es doch eine Masche geben, durch die ein gewandter „Jurist“ entschlüpfen konnte. Mit der höchsten Aggressivität gegen alles, was Gericht und Polizei hieß, scheint er eine subtile Kenntnis der einzelnen Paragraphen und so etwas wie Respekt vor dem Gewerbe des Anklägers zu besitzen. Beide leben von derselben Materie. Es fragt sich nur, wer am ersten dabei zu Grunde geht.

„Vor Jahren sah ich ihn zum ersten Male in meiner Sprechstunde ... Ein eleganter, hoch aufgeschossener Kavalier; tadelloser Gehpelz und modernster Zylinder, den geschmackvollen Spazierstock in der wildlederbekleideten Hand. Er bat mich in ruhigem, vornehmem Tone, seinen Namen verschweigen zu dürfen: nur eines Freundes wegen komme er, der sich infolge eines Konfliktes mit dem Gesetze verbergen müsse.

Ob ich ihm über gewisse Auslieferungsverträge Auskunft geben könne. Ich mußte die Antwort als „Rechts“-Anwalt ablehnen. Aber dann sprachen wir weiter über allerhand Fragen aus dem Strafrecht, und ich bewunderte seine Kenntnisse. Einer vom Fach, dachte ich mir ... vielleicht ein gescheiterter Referendar oder ausgeglittener Assessor. Dem widersprach ein Etwas, über das ich mir im Augenblick nicht klar wurde ...

Das Gespräch und sein Abschied sehr korrekt; nur alles sonderbar zögernd ...

Bald darauf hörte ich von einem der Schwerklienten, daß es Emil Strauß war: ... wieder einmal nach dem Ausbruch und eifrig gesucht ...“