Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht unbewußt. Jedenfalls mußte er der damaligen Volksstimmung unterliegen. Das Fluidum der Revolution hat gewiß auch seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der Protest am stärksten. Die Tausende kämpften einen allgemeinen Kampf für irgendein Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte, wie Freiheit, Achtstundentag, bessere Löhne, Beteiligung am Umsatz.
Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten in dem Körper des Staates, der im Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft. Aufruhr brüllte durch die endlosen und starren Straßen, gegen das Parlament. Seltsame Gerüchte schwirrten um. Die Unsicherheit des Daseins, das Abenteuer hatte unzählige Menschen der angeborenen Schüchternheit entrissen und sie in den allgemeinen Wirbel geschleudert.
Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg, seine individuelle Revolution durchzukämpfen. Solange der einzige Mensch auf Erden, dem er sich verbunden fühlte, dem er Treue zu halten verpflichtet war, weil er auch ihm Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig war, solange der Bruder im Kerker schmachtete, gab es für ihn keine Ruhe. Langsam reifte in ihm der tollkühne Plan zu seiner Befreiung.
Mit zwei Freunden macht er sich am siebenundzwanzigsten November, abends auf den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus nach Naugard. Gutgekleidete Reisende. Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält Wäsche und Kleider. Eine Strickleiter. Werkzeuge aus dem besten Stahl.
Der eine der Begleiter wußte genau die Zelle, hatte den Plan erläutert.
In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen, in drohende Finsternis gehüllten Zuchthaus.
Das Feld weit und breit mit hohem Schnee bedeckt. Er dämpft jeden Laut, leuchtet genügend, um die Fenster erkennen zu können. Aber es gilt, auch schnell zu handeln, denn jeden Moment kann irgendein Zufall zu Überraschungen schon hier draußen führen.
Eine kurze Beratung, die Fenster werden gezählt. Und schon sausen Schneeballen hinauf, um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren.
Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt er gar nichts. Es wurde nie aufgeklärt, ob Erich von der Befreiung unterrichtet war. Auch die Namen der Begleiter wurden nie entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten dieser Heldentat vollkommen im Dunkel.
Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt in das Haus einzudringen.