Dennoch lebte der weiße Bruder in diesem Wesen weiter.
Zwiespältig geboren, gleich stark begabt, war es eine Frage der Zeit oder der Niederlage, welcher Teil seines Wesens den Sieg davontragen würde.
Der Abgrund, der aus seiner Schreckenstat aufklaffte, der Rand des Grabes, dem er wie durch ein Wunder entging, das Wehen der anderen Welt trieben ihn zur Besinnung. Es scheint wirklich, als habe ein Teufel ihn besessen, im übertragenen Sinne. Und der Donner der letzten Stunde und das Sterben eines Unschuldigen mußten ihn befreien.
Das Jahr der Untersuchungshaft bedeutete für ihn mehr als das Warten auf den letzten Spruch. Mehr als die Bilanz eines verpfuschten Lebens. Wollte er Ja sagen, so gab es für ihn keine bessere Lösung, als sich entweder, wie so oft zuvor, den Armen der Justiz zu entwinden oder Schluß zu machen. Mit diesem Leben und allem Zukünftigen.
Und hier gab es für ihn wie für jeden Menschen schließlich zwei Möglichkeiten, unter denen er wirklich in Freiheit zu wählen hatte.
Einmal den Weg, den wohl die meisten Verzweifelten gehen, die am Ende sind mit ihrer Kraft, denen das Leben ausging unter den saugenden Umklammerungen des Unglücks ... den Selbstmord. Dieser Weg stand ihm offen, durchaus und wahr als ein begreifliches Los nach dem Zusammenbruch aller menschlichen und erotischen Möglichkeiten auf ein ganzes Menschenalter hinaus. Sicher hat dieser extreme Ausgang in der Nacht der Kerkermauern oft vor seinem geistigen Auge gestanden. Die große Gleichgültigkeit und Ermattung, die ganz heimliche und letzte verzweifelte Erkenntnis, die ja doch wohl der wahre Sinn dieses Lebens, daß alles keinen anderen Sinn haben kann als den des dummen und sinnlosen Alterns und Sterbens. Und je schneller man diesen Weg beendet, desto besser.
Trotzdem vermied er diesen gewalttätigen Schluß.
Die Bindung an den Bruder mag da mitgesprochen haben wie die andere, so verhängnisvolle an die Geliebte. Aber sicher nur sekundär.
Der wahre und zugleich tiefere Grund ist wohl seine ursprüngliche und robuste Bejahung des Daseins, die primitive und durch keinen Aderlaß der Vorfahren gebrochene Lust an der Arbeit, die naive Freude am Weiterkommen, der Glaube an die Bedeutung des einzelnen für die Gesamtheit oder für ein so imaginäres Ziel wie den Fortschritt oder die Wissenschaft oder ... die Gesellschaft. Der eingeborene soziale Instinkt und die Hochachtung vor dem eigenen mühsam erworbenen Wissen, sein Selbstbewußtsein hielten ihn ab.
Aber er löste das Problem dennoch, wenn auch auf eine ganz unwahrscheinliche und abseitige Art. Er tötete den gewesenen Menschen in sich ab. Das mönchische Prinzip von der Abtötung des Fleisches, das ihm doch durch das Gefangenenleben schon ausgiebigst vertraut war, trieb er auf die Spitze in geradezu ekstatischer Raserei. Zugleich als einzigen Ausweg, um überhaupt die erdrückende Last der Zukunft ertragen zu können.