In der Schneiderabteilung, in der er beschäftigt ist, deren Leitung er inne hat, wird die Arbeit, im Gegensatz zu früheren Methoden, pünktlich und sauber geliefert, das Verhältnis der Gefangenen untereinander und zu ihren Wärtern hat eine neue friedliche Basis gewonnen für beide Teile, sicherlich für den Staat und den Arbeitgeber eine erfreuliche Tatsache.

Über die Gedanken und Vorstellungen von Emil Strauß an seinem jetzigen Aufenthaltsort möchten wir im folgenden noch einige persönliche Äußerungen von ihm bringen, die seinerzeit gleichfalls im „Tagebuch“ veröffentlicht wurden:

„Es wird Sie interessieren, etwas Bestimmtes über meinen jetzigen Gemütszustand zu erfahren. Hm! ‚Mens sana in corpore sano!‘ möchte ich Ihnen da frohbeglückten und dankbaren Sinnes zurufen, denn in geistiger wie körperlicher Hinsicht geht es mir ganz ausgezeichnet. Soweit ich mich entsinne, habe ich mich in den drei Jahrzehnten meines Schein- und früheren Schattenlebens niemals so wahrhaft zufrieden, so kerngesund und urkräftig gefühlt wie jetzt seit zirka zwei Jahren ... seit jenem für mich unvergeßlichen Tage nämlich, da ich von meinem Verteidiger, Herrn Dr. Loewenthal-Landegg, in echter, christlicher Nächstenliebe hingewiesen wurde auf das göttliche Prinzip und seine wahre Idee des Lebens, wie diese in der christlichen Wissenschaft (Christian Science) offenbart werden.

Die wahre Idee vom Leben! Welch ein unendlicher Gedankenreichtum liegt doch in diesem einen kurzen Ausdruck enthalten. Was ist Wahrheit? Was ist Leben? Wo findet man die eine? Und wie entsteht und was bezweckt, wie äußert sich und ändert man das andere? ...

Das sind Fragen, die den menschlichen Intellekt von jeher stets am meisten beschäftigt haben und deren endgültig bestimmte Beantwortung für jeden Einzelnen wiederum eine Lebensfrage ist, eine Frage des Seins oder Nichtseins in des Wortes tiefstgründiger Bedeutung.

Was Wahrheit ist oder nicht ist, kann niemals durch irgendwelche rein-theoretischen Darlegungen in befriedigender Weise erklärt und bewiesen werden. In der christlichen Wissenschaft, zu der ich mich heute mit allen Fähigkeiten meines erwachenden animi bekenne, ist es z. B. eine fundamentale, weil ewige unwandelbare Tatsache und Wahrheit, daß ich meiner wahren, meiner geistigen Individualität nach kein Verbrecher, kein überlästiger Störenfried der bürgerlichen Gesellschaftsordnung bin, sondern eine geistig-substantielle, vollkommene Idee des allumfassenden Prinzips, ein durch und durch auf Harmonie gestimmtes Wesen, das ebenso unfähig ist, Dissonanzen zu erzeugen, wie solche zu erfahren ... ein Wesen, das mit dem göttlichen Universalgesetz der Harmonie in vollkommenem Einklang steht und daher auch gegen sogenannte menschliche Gesetze, sofern sie den göttlichen Gesetzen nicht zuwiderlaufen, in Wirklichkeit niemals verstoßen kann.

Diese dem Nicht-Szientisten gewiß ganz urgeheuerlich klingende Behauptung bedarf natürlich, um zu überzeugen, des Beweises, und die einzige Möglichkeit, diesen Beweis vollgültig zu erbringen, besteht darin, daß ich alles, was das Christus-Ideal der Wahrheit in meinem Bewußtsein verdunkelt, was meine Gottebenbildlichkeit in mir verschleiert und entstellt ... daß ich das alles in unablässiger, gewissenhaftester Kleinarbeit aus meinem Bewußtsein nach und nach ausmerze und dadurch dem Nichts der Vergessenheit anheimgebe.

Durch diesen mentalen Reinigungsprozeß wird die das Ebenbild Gottes verdeckende Tünche falscher Erziehung und falscher Denkgewohnheiten mitsamt dem darauf abgelagerten, Jahrhunderte alten Staub der Überlieferung falscher Annahmen allmählich hinweggewaschen, bis das meisterhafte Original in all seiner ursprünglichen Frische und bezaubernden Schöne mehr und mehr zutage tritt, um schließlich im vollsten Glorienschein seiner makellosen Reinheit und Heiligkeit zu erstrahlen.

Dieses zielbewußte, konsequente Zum-Vorschein-bringen des wahren Menschen ist selbstverständlich keine Arbeit, die sich so im Handumdrehen oder von heute auf morgen erledigen läßt.

‚Die Wiedergeburt‘, sagt unsere gottbegnadete Führerin Mrs. Eddy in ihrem geistvollen Buch „Miscellaneous Writings“: ‚... die Wiedergeburt ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und fährt fort mit Jahren. Augenblicke der Hingabe an Gott, des kindlichen Vertrauens und freudigen Annehmens des Guten, Augenblicke der Selbstverleugnung, der Selbstweihe, dem Himmel entstammender Hoffnung und geistiger Liebe.‘