Um also den geforderten bzw. beabsichtigten Beweis der Gottebenbildlichkeit meines wahren Ichs bis über die Grenze berechtigten Zweifels und verständlichen Mißtrauens hinauszuführen, ist eine gewisse Zeit nötig. Dem aufmerksamen, vorurteilslosen Beobachter meines inneren Entwicklungsganges dürfte es aber schon jetzt nicht mehr verborgen sein, welche erstaunliche Wandlung in meinem ganzen Denken, Reden und Tun bereits stattgefunden hat.
Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß ich ... der Schreiber dieser absichtlich allen Überschwangs entkleideten Zeilen ... daß ich damals, unmittelbar nach meiner letzten Verurteilung, am Rande abgrundtiefer Verzweiflung stand und fest entschlossen war, die mir auf ein volles Menschenalter hinaus genommene materielle Freiheit mit allen Mitteln brutaler Rücksichtslosigkeit und findigster Verschlagenheit mir wieder zu erobern.
Eine halbstündige Unterweisung (fast möchte ich sagen: christlich-wissenschaftliche Behandlung!) seitens meines verehrten Verteidigers veranlaßte mich aber, alle bereits getroffenen Verabredungen und Vorkehrungen für die sofort nach meiner Überführung in eine Strafanstalt geplante Flucht kurzerhand rückgängig zu machen und damit alle Brücken, die mich mit der Vergangenheit noch verbanden, hinter mir zu verbrennen.
Dieses urplötzliche und allen meinen ehemaligen Gesinnungsgenossen bis heute noch unfaßbare Aufgeben des Fluchtgedankens war die erste Heilung, die ich in moralischer Beziehung durch praktische Anwendung der christlichen Wissenschaft auf mein bis zur Hoffnungslosigkeit verworrenes Lebensproblem erfuhr. Was ich seitdem durch tägliches hingebungsvolles Studium dieser unvergleichlich herrlichen Lehre an innerem Glück, an geistigen Freuden und einem Frieden, der alle klügelnde Vernunft übersteigt, erfahren durfte, das läßt sich, ohne anderen überschwenglich zu erscheinen, in Worten gar nicht wiedergeben ...
Hiermit notgedrungen abbrechend, begrüßt Sie dankbarst
Emil Strauß.
Nachschrift: In bezug auf Ihr gütiges Anerbieten, mir etwas Lektüre zu senden, werden Sie es jetzt begreiflich finden, daß mir altruistische, pazifistische Schriften (etwa Tolstoi, Anatole France und ähnliche), die den Gedanken der Weltverbrüderung und des ewigen Friedens propagieren, gegenwärtig am willkommensten wären.“
X.
Nach diesem Selbstbekenntnis, das in der trockenen und stilistisch geschraubten Redeweise eines gebildeten Autodidakten und ganz unter dem Einfluß der amerikanischen Traktate genau so über der Welt und im eigenen Selbstbewußtsein schwebt, egozentrisch, voll bitterer Milde gegenüber der Vergangenheit, voller Vertrauen auf die Zukunft, die nur noch Gutes bringen kann, darf es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Emil Strauß von einem wirklich fast wunderbar zu nennenden Erlebnis überrascht und gewandelt wurde.
Wenn man seine frühere Existenz kennt, dieses Leben des Freibeuters, der mit zynischer Gelassenheit und voller Verachtung über die einfachsten Regeln bürgerlicher Konvention hinwegschreitet, als seien sie für ihn nicht vorhanden, der mit guten Witzen und großen Gesten die Tätigkeit der Polizei verlacht und verhöhnt, der die Ordnung haßt und die Freiheit über alles liebt, sein Leben aufs Spiel setzt, um wieder frei atmen zu können. Der noch trotz seiner glänzenden und aufrichtigen Rede vor den Geschworenen den Plan zu einer gewaltsamen und groß angelegten Flucht gleichzeitig im verworrenen und zwiespältig beherrschten Herzen wälzen konnte. Dieses Kind der dunklen Großstadt, dessen Ehrgeiz und Ruhm es waren, nie besiegt worden zu sein ... bedenkt man dieses Leben und seine jetzige Wandlung, so steht man vor einem Rätsel.