Es gibt da noch, wie das bei einem solchen Ereignis leicht begreiflich ist, eine andere Version:
Die Bekehrung und Versenkung des reuigen Sünders in die Stimme des Herrn und die Lehre der Christian Science seien nichts anderes als eine groß angelegte Finte. Er wiegt die Behörden und Wächter in Sicherheit, kein Laut, kein Seufzer dringt aus seiner Brust. Gedanken schlummern in seinem tausendfach versiegelten Herzen, von deren Gründlichkeit niemand etwas ahnt.
Eines Tages aber wird es so weit sein. Dann werden alle Fäden in seiner Hand zusammenlaufen, und das große Spiel um den letzten Einsatz kann beginnen. Nur die alleräußerste Vorsicht und die jahrelange Übung einer eisernen und überlegenen Energie kann dieses Tempo des Zuchthauses ertragen. Eines Tages wird Emil Strauß aus dem Kerker verschwunden sein und wenige Wochen später ein großer Einbruch mit wilder Kletterei über Dächer und Mauern hinweg die Berliner aus dem Schlaf wecken und sie an die Existenz dieses gewaltigen Räubers unliebsam erinnern.
Ich glaube, daß diese Meinung vollkommen falsch und ohne die Einsicht in die Zusammenhänge dieses Geistes gedacht ist.
Denn die jetzige Situation des Sträflings bedeutet zwar in menschlicher Hinsicht eine fürchterliche und unübersehbare Qual. Seine ästhetische und selbstbewußte Art wird unter den Greueln der Gefängnismauern täglich und stündlich gemartert werden. Kein Leid wird an ihm vorübergehn, von den Qualen der Einsamkeit und Öde bis zur bittersten sexuellen Not werden Tage und Nächte über ihn fallen, die ein einziger Geißelhieb sind.
Andererseits aber erlebte er die Erfüllung seiner frühesten Sehnsucht. Bedeutung und Hilfe ward ihm zuteil. Menschen der guten Gesellschaft nahmen sich seiner an. Anerkannten seine Qualitäten. Der schreckliche Stachel der Minderwertigkeit, der mangelnden Anerkennung ward aus seinem überempfindsamen Fleisch genommen. Eigentlich hat er erreicht, was er sein ganzes Leben lang wollte: Anerkennung und Bewunderung. Glauben und Hoffnung. Bei sich und andern.
Denn seine Freunde sind, wie er, Anhänger der Christian Science und treten für ihn ein mit Rat und Tat. Er wurde aufgenommen in einen Kreis gutmütiger und kameradschaftlicher Menschen. Das Gefühl, das ihn jahrelang peinigte, ausgestoßen und ungerecht verfolgt zu werden, außerhalb von Recht und Gesetz leben zu müssen, mußte ihn verlassen zugunsten eines warmen und sicheren Heimatgefühles.
Das ist das eigentliche Wunder und der Halt seiner jetzigen Existenz. Nicht so sehr die innere Erleuchtung als vielmehr die soziale Geborgenheit trotz seines Gewandes, trotz seiner Vergangenheit läßt ihn den Gedanken an eine Flucht verwerfen.
Im Grunde war er immer ein bürgerlich orientierter, ehrgeiziger Mensch, dessen Begabung nur in falsche und verrückte Bahnen gedrängt wurde. Nie hat er den eigenen Wert innerhalb einer möglichen, sehr liberalen und sehr sozialen Gesellschaft außer acht gelassen. Es war der Traum seines Lebens, einmal vor die Welt treten zu können und ihr seine berechtigte Anklage ins Gesicht schleudern zu dürfen, und dann Zuflucht und Bedeutung in einer anderen zu finden.
Denn als Proletarier muß er zugleich Sozialist sein. Es ist die gelebte und tausendmal erfahrene Philosophie seines Leidens. Solange die Wertung des Menschen nach Erbschaft und Kapital von oben herab dekretiert wird, muß ich kämpfen.