»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris begegnen läßt!«
Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten Blicke die Züge und Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins steigt in ihrer Seele auf.
»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete sie, »ist das nicht Ihr Name, mein Herr?« Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie in Paris sind.«
Der Vicomte unterbrach sie:
»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und von Ihrem Leben in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen Marmortische des Salons Platz zu nehmen.
»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber sprechen kann. Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, wenn ich nicht ein Kind hätte, das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«
Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau, und ein leiser Schatten glitt über seine Züge.
»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn ich habe oft gehört, das die Liebe der Mütter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so müssen Sie gewiß den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um glücklich zu sein?«
»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die junge Frau, indem sie das Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte, »mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie aber auch.«
Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann, der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache angewöhnt, die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert worden wäre durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und kühne Frage verziehen.