»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft aus, »können Sie einen Augenblick daran zweifeln, daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien von Frankreich? Wir Söhne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und das ist Heinrich V.«
»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, Ihren König wieder auf dem Throne Frankreichs zu sehen?«
»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel König Karl's X. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Pläne der Legitimisten in der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen des Volks zu entwürdigen suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte Das in einem Tone der Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer jungen Frau; er schien ganz zu vergessen, daß nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm zuhörte, sondern eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um für diese Dinge ein großes Interesse zu hegen.
Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne, daß der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen Mann, sondern auch den Politiker zeigte; sie mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, welches sich um so wichtige Interessen drehte, gehabt hätte. Und als sie sich endlich trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen der jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf Zurückberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.
Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen mit dem Vicomte. Es war das erste Geheimniß, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte nicht das letzte sein.
Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte sie auf der Damentribüne der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, die in ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne erschienen war, zu den lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinriß.
Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Gräfinnen und Baroninnen vorüber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften, die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine Säule der Tribüne gestützt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der Vicomte feierte.
Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein leiser Schauer ließ ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von einer plötzlichen Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hörte leise Flüsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.
»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin, einer jungen blonden Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«
»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau zurück, während sich ein leichter Seufzer ihrem Busen entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«