»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der Vicomte in leisem Tone, die Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Händen drehte, gerichtet, »daß Sie das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr Gatte ein Deutscher ist?«
»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete die junge Frau mit einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast einschüchterte, »Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«
Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand ab, gewiß in so bedeutsamer Weise, daß sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die Empfindungen der jungen Frau gestattete.
Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. Entweder war Fanny auf der Tribüne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Café Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.
Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie mochte längere oder kürzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, daß sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste, Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny wurden mit jedem Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es anders gekommen wäre.
Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer. Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen Angelegenheiten hervorging, sich auch noch für etwas Höheres begeistern, als für die Damen von der großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfüllte und die Trennung von ihr ihm immer unerträglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso schnell erlöschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog.
Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein höheres Interesse sie zu ihm hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedürfniß des Umgangs mit einem Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermählung selbst angehört: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen errathen.
Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische Eigenthümlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe mit Stolz und Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige Kleinigkeiten zu verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt.
Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte es waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen.
Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der Vicomte einen festen Entschluß.