Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der Dämmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem

»Eia popeia, was raschelt im Stroh?
Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«

sprach Fanny zu ihrem Gatten:

»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, daß es nothwendig ist zu unserem Glücke. Für das Deinige, für das meinige, und vor Allem für das Glück unseres Kindes.«

Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden Blick auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge von dem letzten, bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden.

»Was sprachst Du da?« frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz seiner Selbstbeherrschung.

»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, »ich sprach, daß es für uns Alle besser sein würde, wenn ein Jedes seinen eigenen Weg geht. Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so große Schuld an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein ich fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in dieser Weise fortzuführen. Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute, welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum laß uns ruhig von einander scheiden, ohne Haß, ohne Zorn.«

Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die Entgegnung ihres Mannes erwartend.

Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem Schweigen. Die Dunkelheit war indessen völlig eingebrochen, das Kind im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche Stille herrschte in dem Zimmer.

Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte, der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt: