Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende »Sie,« noch nie eine so grausame Beleidigung gehört, als die war, welche er ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.

»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich vielleicht auch das Recht verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube ich doch nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thür sie hinter sich verschloß.

Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr über diese Angelegenheit gewechselt worden. Es war überhaupt zwischen ihnen nur das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, was durch die Verhältnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde.

In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte Fanny ihren Entschluß gefaßt. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses, um in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen Fahren vor das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix brachte.

Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von einer unwillkürlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur Erde. Und als sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fühlte sie ein Beben durch ihren Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die Treppe des Schaffots tritt.

Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so würde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben.

»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen Walther geäußert, und er hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, »in der Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire gegen die beschränkte Anschauungsweise, welche die Treue bloß von den Frauen fordert, während sie den Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen. Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert mich an jene Hundetreue, welche die Hand leckt, die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende, schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wüstling gegenüber für gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen Duldernaturen.« Aber er hatte ihr nie die geringste Veranlassung gegeben an seiner Treue zu zweifeln – und nun mußte sie den ersten Schritt thun.

Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.

»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses Haus betritt, Fanny,« flüsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine Lippen drückte.