Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt über Walther's Züge.

»Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?«

Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, als habe sie den ganzen bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen.

Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm.

»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist müde von dem weiten Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.« Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen auf seine Schulter legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er ein kleines einstockiges Haus bewohnte.

Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglückt war, besorgte seine häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des Lebens zu erwerben.

Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß nicht bedeutenden Vermögen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler, die Reste seines eigenen erworbenen Vermögens, welches während der revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war.

Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit dem daran befindlichen Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner Kräfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber für seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. Aber es war nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang mit Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewählt werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht die Pflicht der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, während es ein großes Wagniß ist, auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln.

»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein junger und talentvoller Schriftsteller gesagt, »unsere modernen Literaturzustände gleichen dem Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehälsen reizt der geheimnißvolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu können und weiß nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so tief stechen, daß die Meisten, während sie danach greifen und bevor der Lorbeer ihre Scheitel berührt, sich daran verbluten.«

In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thätig sein? Als Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fühlte er, fehlte ihm die dichterische Begabung.