Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzählte ihr lauter kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend, wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene, die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie »Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grünen Wäldern in Thüringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde Schweine, Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur aus ihren Bilderbüchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzählung von dem getreuen Eckard, der auch in den thüringischen Wäldern lebt und die Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, und oft flüsterte sie, endlich doch vom Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon schlossen und sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: »Papa, noch eine Geschichte ...« und war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.

So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fünf Jahre alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles heraus, was ihr Herz bewegte.

Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie mit der alten Mutter Poisson Französisch plauderte.

Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte Alles überwunden zu haben, doch einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi zu der alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen hörte:

»Ma chère mère, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.« (Meine gute Mutter, laß uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)

»Ma chère mère!« Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hören sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie auch, als Walther mit ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen, und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen Eindrücke der Außenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das Französische sprechen gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der früher lange als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten.

Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel schüchterner, blöder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und ließ die Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, während Mimi bei aller ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbstständig bewegte, daß der Unterschied sofort in die Augen sprang.

Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswürdige Sicherheit und Unbefangenheit, die sie selbst größern Personen gegenüber zeigte.

Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche für eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses.

Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lärm, welcher den Feldhüter oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke kam, einen griesgrämigen Patron, störte.