Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften Erscheinungen und die Beklemmungen beim Athmen so, daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor Godin schickte.
Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das Kind geworfen, als er eilig nach Blutegeln verlangte.
Man holte sie beim Dorfbader und setzte der Kleinen, die Alles geduldig ertrug, drei der schwarzen häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens.
Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau erschien weinend auf der Schwelle und bat den Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem todtkranken Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.
»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der menschenfreundliche alte Arzt, der längst der Praxis entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück sein, lieber Freund.«
Er ging und Dennhardt blieb allein mit der Mutter Poisson bei seinem Kinde zurück.
Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den Bergen wie über dem Meere hingen dunkle Wetterwolken, und am fernsten Horizonte, da wo Wasser und Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten schon feurige Blitze. In der Stube brannte nur die schwache Flamme einer mit einem grünen Schirm umgebenen Lampe, da das Kind sich vom Anfang der Krankheit an gegen den hellen Lichtschimmer empfindlich gezeigt hatte.
Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes rasche Athemzüge und das hörbare Hämmern und Klopfen des kleinen Herzens.
Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch eines Schmerzes, den er lange unterdrückt hatte, der aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in heißen Thränenströmen über seine Wangen fluthete.
Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur, die unverzagt im Sturm und Wetter steht, die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen den äußern Feind schlägt, die aber weich wird wie eine Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das Herz greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt, an welchem es mit allen Fasern hing.