Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und Lust des Lebens hatte Dennhardt in seinem Kampfe für die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte ihn nicht erschüttern können, selbst die Trennung von Fanny hatte ihn kaum eine Thräne gekostet, denn sie hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört das Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust seines Kindes, seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn mitten an seine Lebensnerven, er ließ ihn zusammenbrechen.
Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel der Hinfälligkeit menschlicher Kraft, der Ohnmacht menschlicher Größe, gegenüber dem Walten eines ewigen, allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich ist, das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können, dessen Macht aber jede Creatur anerkennen muß und stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf der letzten Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen nach dem Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, mit der Gottähnlichkeit.
Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen Vater aus der dumpfen Betäubung, welcher dem Ausbruch seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbe frühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, welche sie laut werden ließ:
»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.«
»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater aus der Tiefe seines Herzens und sandte einen verzweifelten Blick zum Himmel empor, »von aller der Luft, welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht so viel, um athmen zu können.«
In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin aus dem Nachbarhause zurück.
»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon unter der Thür.
Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende Wunde hatte, ohne daß Dennhardt in seinem Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes blutig gefärbt.
»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter Stimme, »was ist Das? ... das Kind verblutet sich.«
»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten Geberde, »wenn auch Das nicht zu befürchten ist, so muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und er zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, mit welcher er rasch die blutende Wunde berührte.