Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor sechs Jahren hatten ihre Augen zum ersten Mal das freundliche Licht der Sonne erblickt.

Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein hoher Festtag in dem kleinen Hause gefeiert worden; Dennhardt hatte stets an diesem Tage die Nachbarkinder zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdiger Gravität die Honneurs als Wirthin gemacht und die Kinder mit Kuchen, Chocolade, Obst, Apfelwein und anderen Leckereien bewirthet.

Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen heute und dem Geburtstage voriges Jahr!

Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd in dem buntfarbigen Gewand, dem gelben Strohhute mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling, und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still und bleich wie eine geknickte Sommerblume, wie eine zarte Lilie, über welche der Sturm dahin gefahren ist.

Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume gesehen, ihre liebsten Gespielinnen, die stillen, bunten Blumen, mit denen sie so lieblich und verständig plauderte, als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend erklärt hatte.

Und seltsam! Die Kleine schien während dieser Tage der Krankheit ganz vergessen zu haben, daß es Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal danach verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren Bilderbüchern oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag aber ohne Blumen vorübergehen zu lassen, Das vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen. Vielleicht wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des menschlichen Herzens, selbst täuschen, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen, er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, frohen Mimi, welche damit ihren kleinen Tisch schmücken wolle, um die kleinen Genossinnen der Kaffeegesellschaft festlich zu empfangen.

Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen, Rosen, Nelken, Astern und Reseda, den er gepflückt, und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte er sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten mit ihren stillen Blumenfreundinnen gehalten.

»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein leichter Wind über die Beete hinsäuselte und die Blumen ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und flüstern?!«

Er kehrte in das Haus zurück und in demselben Moment erwachte auch Mimi aus ihrem Halbschlummer. Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem Kinde entgegen.

»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, mit ihrer silberhellen Stimme, deren lieblicher Klang sich während ihrer ganzen Krankheit nicht verändert hatte, »ei!« und wie ein heller goldener Freudenstrahl flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen. Ihre matte, zitternde Hand vermochte die Blumen kaum zu halten; aber ihr Auge glänzte von einem Feuer, das zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden, daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen Hülle gewohnt, sich schon ihrer Heimath wieder nahe fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der sie herabgestiegen auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne Zeit darüber hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren in die Wohnungen des ewigen Lichts.