Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen Grabhügels, auf welchem sich ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: »Hier ruhet mein Glück,« erhob, saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige Wochen nach jenem Augustmorgen, an welchem die kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag feierte, ein Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten Zügen. Es war der deutsche Flüchtling Walther Dennhardt, der hier am Grabe seines Kindes saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor seinen Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit.
»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug er sich, »eine Ewigkeit für das geschaffene Individuum, für die Creatur, die mit Bewußtsein über die Erde wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes an sie herantrat und den Leib in Staub zerfallen ließ, den Leib, die Wohnung eines ewigen, unzerstörbaren Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der Mensch selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze Dasein endigt? O dieses Räthsel des Lebens! Wer es lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte nehmen könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!«
Aber wie er auch sann und sann, und grübelte und grübelte, es war Alles eitel, Alles vergeblich – kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß, welche die Schatten des Todes erzeugt hatten.
In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die Quelle des Lebens in freudigem Sprudel hervorsprang, hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise vertrauter Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und eine Lösung dieser Fragen, über welche Tausende im Taumel der Alltäglichkeit hinweg schlüpfen, ohne je darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese Räthsel der Schöpfung nie so sehr in der Seele gebrannt, nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach einer Lösung empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger des Todes an seine Thür pochte und das Leben seiner Mimi von ihm forderte.
Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte seine Mimi aufgehört zu sein, gab es für ihn keine Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt wiederzufinden, dann war ihm die ganze Schöpfung eine große Lüge, die Welt ein Todtenhaus, durch welches ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann war ihm die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der grimmigste Hohn, die grausamste Ausgeburt eines fluchwürdigen Zufalls der Natur.
In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem Dennhardt über den Zustand seiner Seele, über diese entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte sprechen können.
Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit seinen streng auf den Dogmen der katholischen Kirche beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten vorhanden sein können.
Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume nur die Moral in sich aufgenommen, die Glaubenslehre war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm unbekannt und fremd erschien, eine terra incognita, deren Bedeutung er erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß seines Lebens sich erfüllte, als ihm seine Mimi von der kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer fast wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche sich auf jenes große Räthsel des Lebens, auf dieses uralte Geheimniß des Todes bezogen, jenes Geheimniß, an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden arbeitet, und das sie niemals enthüllen wird, dessen Schleier von keiner sterblichen Hand gelüftet werden wird.
Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, von Aristoteles an bis herab zu Hegel, Strauß und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine unübersteigliche Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe, daß das letzte Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, auf welchem die Geheimnisse des Todes verzeichnet stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von den Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen gesucht wurde.