Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes auf der Düne, zu dem kleinen Grabe, für welches der fanatische Priester keinen Platz innerhalb des Kirchhofs hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines Ketzers war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel nieder und weinte heiße, blutige Thränen, und sprach mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der er allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.

Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte und durch die Zweige des kleinen Tannenbaumes, welchen er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich flüsternd bewegten, dann glaubte er, es sei die kleine Mimi, welche ihm antwortete.

Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich gegen Sonnenuntergang antrat, mochte das Wetter auch noch so stürmisch sein, war sein einziger Ausgang. Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst sehen.

Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, forderte ihn vergebens auf, einmal mit nach Vannes zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den Trübsinn abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen nahm.

»Lassen Sie mich, Doctor,« gab er kopfschüttelnd zur Antwort, »ich will Nichts mehr von der Welt da draußen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn ich jetzt unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal geschah, und es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern, und wenn es der ärmste Hirt ist, dessen Hütte die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm her, barfuß und halbnackt, so fühle ich mich so bettelarm gegen den Mann, daß ich mich vor ihm hinter dem nächsten Busch verstecken möchte. Es ist mir Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Körper wandelt noch auf Erden, meine Seele aber ist bei meiner Mimi.«

Und wie er grau und alt geworden war in den wenigen Wochen! Wie alle Frische des Lebens aus den Zügen des noch so jungen Mannes weggewischt war, wie das blonde Haar sich entfärbt hatte und so wirr um sein Haupt flatterte!

Seine Beschäftigung hatte er ganz und gar aufgegeben. Er lebte von seinen Ersparnissen, die einst seiner Mimi gehören sollten, einen Theil davon hatte er zu einer Stiftung für arme Kinder des Dorfes verwendet. So verging der Herbst, und der Winter kam heran und überzog die grünen Berge von Morbihan mit seinem weißen Schneegewand, und auch das kleine Grab des kleinen deutschen Mädchens auf der Düne von Morbihan überzog er mit dem Leichentuche der hinsterbenden Natur.

Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener heilige Abend, an welchem die Freude in tausend und aber tausend fröhliche Kinderseelen und glückliche Elternherzen einzieht. Den ganzen Tag über hatte Dennhardt, zu Mutter Poisson's großer Verwunderung, in seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen und eine auffällige Geschäftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach, ein windstiller, reiner, klarer Winterabend, so ein echter Christabend mit Tausenden von funkelnden Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug Dennhardt seinen Mantel um die Schultern und wanderte hinaus nach der Düne zu dem Grabe seiner kleinen Mimi.

Was sich da ereignete, haben die Bewohner des Dorfes nie so recht erfahren können; nur Vermuthungen und die Aussagen eines Hirten, der in später Stunde seine Heerde unweit der Düne vorüber trieb, dem aber der Schreck über den seltsamen Anblick die ruhige Beobachtung raubte, so wie einige andere sichtbare Zeichen ließen auf den muthmaßlichen Zusammenhang schließen.

»Als ich,« so erzählte der Hirt, »spät am Abend mit meinen Ziegen und Schafen unweit der Düne vorbeizog, sah ich plötzlich an der Stelle, wo das Grab des kleinen deutschen Mädchens ist, helles strahlendes Licht ... Es war mir, als ob eine Unzahl Flammen aus der Erde aufstiegen und immer höher und höher wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit flatterndem Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch in der Hand, neben dem Grabe stehen, und hörte seltsame, unverständliche Töne, die mir aber einen solchen Schreck in die Glieder jagten, daß ich entsetzt über den Spuk mit meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang hinab nach dem Dorfe zu sprang.«