Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war, lief Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte diesem ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und fuhr dann mit diesem nach dem Dünenhügel.
Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine Thräne in des Arztes Auge. Der Anblick war ein traurigrührender. Der kleine Tannenbaum auf dem Grabe war in einen schönen buntschimmernden Weihnachtsbaum verwandelt, an dem Nichts fehlte, weder der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk, noch die goldenen und silbernen Nüsse und Aepfel. Nur die gelben Wachslichter waren bis auf den Stumpf niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in welchen die abergläubische Phantasie bretagnischer Hirten böse Geister erblickt hatte. Am Fuße des Grabes, das Haupt auf den kleinen Rasenhügel gestützt, lag der deutsche Flüchtling, bleich und entseelt, aber mit dem Ausdrucke eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen Verklärung und freudigen Zuversicht in den bleichen Zügen.
Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes Buch; es war die Bibel. Tief bewegt beugte sich der Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch aus der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein Blick auf die aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl zuletzt das Auge des Entschlafenen geruht.
Es waren die Worte des Apostels:
»Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: wir werden nicht Alle entschlafen, wir werden aber Alle verwandelt werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.«
»Er hat das Räthsel des Lebens gelöst,« murmelte der Arzt, »er hat sein Kind wiedergefunden.«
Noch am selbigen Tage begrub man den Flüchtling an der Seite seines Kindes, seinen letzten sehnlichsten Wunsch, den er häufig im Gespräch mit dem Doctor geäußert, erfüllend.
Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorüber gegangen, aber noch heute sieht man die beiden Gräber auf der Höhe von Morbihan. Und wenn die Meereswogen heranbrausen zur Düne, und die Möven über die Grabhügel hinstreichen, und es in dem Tannenbaum rauscht und flüstert, und zufällig ein Hirt mit seiner Heerde vorüberzieht, dann ergreift er nicht mehr die Flucht, sondern er pflückt eine Blume und legt sie auf das Grab des kleinen deutschen Mädchens und ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene letzte Ruhestätte fanden, welche das Ziel aller irdischen Wanderung ist.
Die Mütter des Dorfes aber führen ihre Kinder des Sonntags häufig zum Grabe der kleinen Mimi und erzählen ihnen die Geschichte von dem schönen kleinen Mädchen und von dem letzten Weihnachtsbaum, den ihr Vater auf ihr Grab pflanzte.