Es liegt in der Natur der ganzen Veranstaltung, daß beim Unyago Knabe wie Mädchen sich vorwiegend passiv verhalten. Sie sitzen tatenlos, stumm und ohne sich zu rühren jedes in seiner Hütte, während sich in der ersten Nacht des Festes die Erwachsenen zu Schmaus und Trunk in wildem Masewetanz bewegen. Die Knaben werden am nächsten Tage, jeder von seinem Mentor geleitet, unter der Aufsicht eines Oberleiters in den Wald geführt. Dort schlafen sie eine Nacht ohne jeden Schutz; nur am nächsten Tage dürfen sie sich eine kurze Spanne Zeit einmal selbst betätigen; dann gilt es nämlich, im Verein mit ihren Anamungwi, den Lehrern, die Daggara zu bauen. Aber kaum ist die luftige Hütte im tiefsten Pori vollendet, so ist auch schon die alte Sachlage wieder hergestellt; einer nach dem anderen wird in jenem Häuschen auf ein sehr primitives Ruhebett von Hirsehalmen gelegt; mit scharfem Schnitt vollführt der Wamidjira die Operation; wochenlang liegen darauf die kleinen Patienten in langer Reihe da, ohne in den langwierigen Heilungsprozeß irgendwie eingreifen zu können. Erst wenn die Wunde verheilt ist und der Unterricht in den Sexualien und der Moral mit allen Kräften eingesetzt hat, gewinnen auch die Wari, wie die Knaben jetzt heißen, mehr und mehr das Recht, am öffentlichen Leben teilzunehmen; die kleinen Kerle werden übermütig und vollführen manchen tollen Streich. Wehe der Frau oder dem Mädchen, das sich, der Lage der Daggara unbewußt, in diese Waldregion verirrt: wie eine Schar übermütiger Kobolde stürzt sich die Schar der Knaben auf die Unglückliche, neckt sie, fesselt sie und mißhandelt sie wohl gar. Nach Volksgesetz haben die Wari das Recht dazu, denn ihr Aufenthaltsort im Walde soll jeder weiblichen Person gänzlich unbekannt bleiben. Mit dem Hinausziehen in das Pori ist der junge Sohn für die Mutter gestorben; wenn er wiederkehrt, wird er ein neuer Mensch sein mit neuem Namen: an das ehemalige Verwandtschaftsverhältnis erinnert nichts mehr.
In welchen Bahnen sich der Unterricht hier in der Daggara bewegt, habe ich bereits früher zu schildern versucht; der bierehrliche Akundonde und sein trinkfester Minister sind unstreitig die zuverlässigsten Gewährsmänner in bezug auf alle diese Weistümer. Es bleibt ewig schade, daß der überraschend schnell erzielte „Anschluß“ der beiden mich um den Schluß der Rede an die Wari gebracht hat; doch zur Kennzeichnung der hier herrschenden Unterrichtsprinzipien genügt ja auch jenes mitgeteilte Bruchstück.
Kakallefestzug beim Unyagoschlußtag.
Für die Knaben erreicht das Lupanda seinen Höhepunkt erst mit dem Schlußfest. Die Vorbereitungen dazu sind auf beiden Seiten groß: im Walde werden die Wari von ihren Mentoren durch Rasieren des Kopfes, Bad, Neueinkleidung und Salben mit Öl erst wieder in einen menschenwürdigen Zustand versetzt, im Festdorf aber beginnen die Mütter bereits lange vor dem festgesetzten Termin, große Mengen Bier zu brauen und noch größere Haufen von Festgerichten vorzubereiten. Und ist der große Tag endlich gekommen, dann zieht es heran; hei, wie glänzen der glattrasierte Kopf, das Gesicht und der Nacken in der strahlenden Tropensonne vom triefenden Öl, wie stolz schreiten die kleinen Männer in ihren neuen Prunkgewändern einher, und mit welch sicherem Takt schwingen sie in der Rechten die Kakalle, jene uns bekannten Rasselstäbe! Rechts und links hat sich die Mauer der erwartungsfrohen Erwachsenen aufgebaut. Immer lauter, immer gellender durchzittert der schwirrende Frauentriller den weiten Festplatz; dort setzt auch schon die Trommelkapelle mit ihren aufregenden Takten ein; aus rauhen Männerkehlen erschallen die ersten Takte eines Ngomenliedes, kurz alles entwickelt sich herrlich, urecht afrikanisch.
Die Neger sind Menschen wie wir anderen auch, ihr Tun und Trachten ist demnach auch ebenso vielfachen Veränderungen unterworfen wie anderswo. Von meinem mehr als einmonatigen Newalaaufenthalt habe ich einen unverhältnismäßig großen Teil auf die Festlegung des typischen Verlaufs aller dieser Feste verwandt. Das ist eine Heidenarbeit gewesen; wollte ich ganz klug sein und bestellte mir meine Gelehrten nach Stämmen geordnet, so durfte ich sicher sein, daß die paar alten Herren wenig oder gar nichts sagten; des Negers Intellekt scheint sich nur dann betätigen zu können, wenn er im Kreise vieler Männer durch scharfe Rede und Gegenrede gereizt und geweckt wird. So habe ich denn stets von neuem auf mein ursprüngliches Verfahren zurückgreifen müssen, den gesamten Senat der Wissenden, rund 15 alte Herren, Yao, Makua, Makonde bunt durcheinander, zu meinen Füßen zu versammeln. Dies hat mir zwar insofern geholfen, als nunmehr stets eine rege Diskussion entstand, doch wie schwer ist es mir geworden, nun das eine Volkstum vom anderen scharf zu trennen! Dennoch ist mir die Aufgabe, wie ich sagen zu dürfen glaube, mit viel Glück und einigem Geschick soweit gelungen, daß nunmehr wenigstens eine Art Leitfaden über diese Dinge gegeben ist. Die sicher bestehenden kleinen Lücken auszufüllen und die zweifellos vorhandenen Ungenauigkeiten zu berichtigen, überlasse ich getrost meinen Nachfolgern.
Noch eins: in seinem Gesamtumfang und für alle drei genannten Völkerschaften durchgeführt, nimmt das Studium der Mannbarkeitsfeste in meinen Aufzeichnungen einen solchen Raum ein, daß ich mir ihre Wiedergabe hier versagen muß; sie würde ganze Druckbogen für sich allein beanspruchen. Auch noch zwei andere Momente treten herzu. Was ich von dem Unyago mit eigenen Augen gesehen, habe ich unverkürzt wiedererzählt, mit jener Milieustimmung gleichzeitig, die nur das eigene Erleben hervorzuzaubern vermag. Aber jene Szenen in Akuchikomu, Niuchi und Mangupa sind nur winzige Teile aus dem ungeheuer umfangreichen Festkalender, wie ihn das Mädchen-Unyago in Wirklichkeit darstellt; über den ganzen übrigen großen Rest vermag ich nur das zu berichten, was ich meinen Gewährsleuten verdanke. Nun aber bringt jedes Referat leicht das Odium des Trocknen und Langweiligen mit sich, und langweilig möchte ich um keinen Preis werden; lieber verweise ich jeden, den solche Sachen im einzelnen interessieren, auf das Werk, das ich vertrags- und pflichtgemäß über alle meine Taten hier im schwarzen Erdteil und ihre wissenschaftlichen Ergebnisse für das Kolonialamt zu schreiben habe.
Das letzte Moment liegt auf einem andern Gebiet. Der Neger ist in bezug auf sein Geschlechtsleben noch nicht im mindesten angekränkelt; alles was sich auf das Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern bezieht, ist ihm etwas ganz Natürliches, über das die Leute unter sich eine völlig freie Unterhaltung führen; höchstens daß man dem rassefremden Weißen gegenüber einige Zurückhaltung zeigt. Nun ist der sexuelle Einschlag beim Neger unstreitig sehr groß, ungleich größer als bei uns; es hieße zuviel gesagt, sein ganzes Dichten und Trachten drehe sich um diesen Punkt, aber ein sehr großer Teil entfällt ganz ohne Zweifel auf ihn. Dies tritt in offenkundigster Weise nicht nur im Unyago selbst, sondern auch in der mir gewordenen Darstellung zutage; es geht dort sehr natürlich zu. Wie die Dinge bei uns als Folge der bei uns beliebten Erziehung nun einmal liegen, ist für solch „heikle“ Sachen gerade noch in der allerstrengsten wissenschaftlichen Darstellung Platz; für jeden andern Zweck muß man sich ihre Wiedergabe versagen. Um es nochmals zu betonen, nicht aus Rücksicht auf den Gegenstand selbst, sondern lediglich auf das irregeleitete Gefühl des Publikums. Traurig, aber wahr!
Von allen Völkerschaften des Südens von Deutsch-Ostafrika scheinen die Yao nicht nur die fortschrittlichsten, sondern auch die phantasielosesten, nüchternsten zu sein; ihre Mannbarkeitsfeste sind tatsächlich sehr einfache Formalitäten gegenüber denen der Makua und Makonde. Bei diesen geht es nicht ohne eine gewisse Theatralik ab; die Makua pflanzen mitten auf den Festplatz einen vielgegabelten Baumast von ganz bestimmten Eigenschaften. Er ist von den Männern unter Absingung eines Liedes aus dem Pori geholt worden; in langem Zuge wird er in den Festhüttenring getragen. Dort steht schon der Leiter des Festes in der Pose eines Oberpriesters. Unter seinen Händen muß ein Huhn sein Leben lassen; in eine bereitgehaltene Schale fließt dessen Blut. In einer andern Schale wird Holzkohle zu Pulver gerieben, in einer dritten Schale roter Ton gleichfalls zerstoßen; rot-schwarz-rot wird mit allen drei Ingredienzien sodann jener vielgegabelte Baumast geringelt. An einer Stelle haben inzwischen Männer ein Loch gegraben; in dieses legt man ein Amulett aus zusammengebundenen Baumrindenstücken, füllt das Loch wieder zu und wirft über ihm einen kleinen Hügel auf. Auf diesen pflanzt man jenen Lupanda genannten Baumast. Und noch ein anderer Hügel wird aufgeworfen; er wie auch jener erste waren in dem Hüttenring von Akundonde noch sehr wohl zu erkennen. Dieser andere Hügel ist der Platz für den vornehmsten der Unyagoknaben. Um diesen herum gruppieren sich die anderen, minder vornehmen; alle aber sitzen dabei auf Baumstümpfen, die, wenn auch nur einiger Schönheitssinn bei dem Festleiter vorwaltet, genau in der Form jener beiden konzentrischen Kreise angeordnet werden, wie ich sie bei Chingulungulu im Pori sah. „Der Cromlech der Tropen!“ ist es mir damals durch den Sinn gefahren, als ich vor dieser typischen „Steinsetzung“ stand, und auch heute noch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß zwischen unseren vorgeschichtlichen Steinsetzungen und diesem System von Baumstümpfen eine Ähnlichkeit nicht bloß der Form nach besteht, sondern daß die Verwandtschaft sich vielleicht sogar auf die Zwecke erstreckt. Wenn ein großer Teil unserer neolithischen Megalithen wirklich Kult- und Versammlungszwecken gedient hat, so ist nicht einzusehen, warum nicht auch unsere Altvordern auf diesen ehrwürdigen Steinen Platz genommen haben sollten; auch der Neger würde auf Holzsitze verzichten, wenn ihm hierzulande Stein zur Verfügung stände.
Wäre ich ein Phantast, so könnte ich heute mit leichter Mühe den Nachweis führen, daß die Makonde Feueranbeter seien! Kaum haben die Männer ihr Likumbi gebaut, d. h. eine Hütte von der Art, wie wir sie in Mangupa kennen gelernt haben, so zerstreuen sich allesamt im Busch, um Medizin zu holen. Am Abend desselbigen Tages geben sie die gesammelten Wurzeln einem alten Weibe zum Zerstampfen im Mörser. Den erhaltenen Brei streicht der Mŭnchirắ, der Oberpriester, nunmehr fünf bis sechs Männern tupfenweise auf den Arm; dann sitzt man tatenlos bis in die Mitte der Nacht. Jetzt beginnt der Munchira zu trommeln, unheimlich dröhnt der dumpfe Ton des Instruments durch die dunkle Tropennacht. Alles strömt aus den Hütten zusammen, groß und klein; man schießt und tanzt ohne Unterbrechung, bis zum nächsten Nachmittag; dann findet die Verteilung der Geschenke untereinander und an die Mentoren der Knaben statt. Darauf große Festrede des Munchira: die sechs Männer seien geweiht; wenn sie es sich einfallen ließen, zu stehlen oder zu rauben oder sich mit den Frauen der anderen einzulassen, so dürfe ihnen niemand etwas tun, die Männer seien sakrosankt. Die sechs aber verpflichtet er, von nun ab drei Monate lang alle Mitternacht die Trommel zu schlagen.