Sind die drei Monate herum, so beginnt ein reges Leben im Dorf; Männer gehen in das Pori, um trocknes Holz zu sammeln, abends tragen sie es unter vollkommenem Stillschweigen auf den Festplatz nahe der Likumbihütte; die Frauen aber haben während der Zeit ungeheure Mengen von Pombe bereitet; auch diese findet ihren Weg zur Likumbi. In dieser Hütte steht ein Deckelkorb, Chihēro mit Namen, klein und rund; in ihm ist Medizin. In diesen Chihero und auf die Medizin spuckt jeder der Brennholzsammler ein weniges von der Festpombe. Neben dem Chihero aber steht die Alte, welche die Medizin im Mörser zerstampft hat; diese hebt den Chihero nunmehr auf ihren Kopf, ergreift das Ende einer langen, eigens für das Fest gekauften Zeugbahn mit den Händen und verläßt feierlichen Schrittes die Hütte, das Zeug hinter sich schleifend. Schnell ergreift es der erste der Brennholzsucher, damit es den Boden nicht berühre; ein zweiter folgt seinem Tun, desgleichen ein dritter und vierter. Schließlich schwebt das langgestreckte Stoffstück über der Erde dahin wie von Pagen getragen. Vorne neben der Frau schreitet der Munchira. Man umzieht die Festhütte. Ist der Umzug vollendet, so nimmt der Munchira den Anfang der Zeugbahn und wickelt ihn um den Chihero. Diesen hält er jetzt an das rechte Ohr; ein kurzes Verweilen; er setzt ihn auf die Schulter, wiederum einen Augenblick lang; der Korb wandert auf die Hüfte, aufs Knie, endlich auf die Außenseite des Fußknöchels. Zum Schluß nimmt der Würdige Zeug samt Chihero als wohlverdientes Honorar an sich.
Maskentanz beim Mädchen-Unyago in Niuchi.
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GRÖSSERES BILD
Und wieder ist es Nacht; im schwachen Licht der letzten Mondsichel ist der Umriß des großen Holzstoßes noch eben zu erkennen. Mitternacht ist um etwa eine Stunde vorbei, da erhebt sich aus dem Kreise der in Schlafmatten gewickelten Gestalten eine lange, hagere Figur. Unhörbar schleicht sie auf den Holzstoß zu, ein Feuerchen blitzt auf, um alsbald auch schon wieder zu verschwinden. Doch bald knistert es von neuem; größer und größer wird die Flamme, von ihrem Erzeuger mit rhythmischem Fächerschwung angefacht. Jetzt erkennen wir die Gestalt, es ist der Munchira. Schon nach wenigen Minuten ist der ganze, große Stoß ein einziges Flammenmeer; zitternd huschen seine Reflexe über die glänzenden Gesichter der das Feuer im Kreis umstehenden Männer. Nun hat das Feuer seinen Höhepunkt erreicht. Eilenden Schrittes umkreist es der Munchira; das Gesicht zum Feuer gewandt, läßt er die folgenden Worte dem Munde entströmen: „Laß die Wunden der Knaben schnell und schmerzlos heilen, den Häuptling aber, der diesmal das Likumbi feiert, laß recht viel Freude an den Knaben erleben.“ Dabei bindet er einen weißen Lappen an eine Stange und fächelt das Feuer mit großen Schlägen; die Männer aber umstehen das verglimmende Feuer bis zum hellen Morgen.
Das Feuer als Mittelpunkt einer für das gesamte soziale Leben so einschneidenden Veranstaltung, wie sie die Feier der Pubertät bei diesen Völkern des Südens darstellt, ist meines Wissens etwas im Völkerleben Afrikas ganz Alleinstehendes und Vereinzeltes. Liegt hier ein wirklicher Feuerkult vor, oder ist Rundgang und Ansprache auch nur noch ein letztes, unbewußtes Überlebsel einer solchen uralten Verehrung des lohenden Elementes? Ich weiß es nicht und bin, offen gestanden, auch ganz außerstande, diese Frage ihrer Beantwortung näher zu bringen; von der Hand weisen darf man die Möglichkeit einer ehemaligen Feueranbetung beim Neger a priori nicht, dazu wissen wir noch viel zu wenig von seiner Kulturentwicklung. Daß noch manche ethnologische Überraschung zu erwarten ist, dafür sind ja meine eigenen reichen Ergebnisse der beste Beleg.
Beim männlichen Geschlecht ist die Hinübernahme aus dem Kindesalter in die Klasse der vollberechtigten Männer eine zwar langdauernde Periode, dabei jedoch ein einziger, in sich geschlossener Übergang; eine Erinnerung an die gemeinsam verlebte Fest- und Leidenszeit bleibt den Männern fernerhin lediglich in einer selbstgewählten, freien Organisation, die man passend mit dem Namen Altersklassen bezeichnet: die einzelnen Unyagojahrgänge halten unter sich zusammen, bis der Tod die einzelnen scheidet. Doch dieses Zusammenhalten muß man sich ins Afrikanische übersetzt denken; es ist kein Verein und kein Klub und keine Verbindung; die alten Freunde wohnen lediglich beieinander, wenn auf der Reise einer in des andern Dorf kommt; sonst nichts. Geheimbünde spielen hier im Osten bewußt nicht mehr in das Wesen der Altersklassen hinein, ganz im Gegensatz zu Westafrika, wo beides Hand in Hand geht, sich gegenseitig genetisch bedingt und wo beides dann seinen äußeren Ausdruck findet in großen Geheimbundsfesten mit Maskentänzen und andern geheimnisvollen, auf das Erschrecken der männlichen Nichtmitglieder des Bundes und der Frauen gerichteten Zutaten. Hier auf dem Makondeplateau treten gegenwärtig alle drei Erscheinungen: die Altersklassen, die Feste und die Maskentänze nur in sehr lockerem Zusammenhang miteinander auf; gleichwohl spricht alles dafür, daß der Maskentanz der Makonde von heute ursprünglich ebenso der Ausfluß eines längst vergessenen Geheimbundwesens gewesen ist wie die ganz analogen Erscheinungen der Neger von Kamerun, Oberguinea und Loango. Auf diesem Gebiete der afrikanischen Völkerkunde wird noch manche harte Nuß zu knacken sein.
Das Unyago des jungen Mädchens ist eine wahre Stufenleiter von Kursen. Ich betone absichtlich das Wort Kursus, denn tatsächlich besteht hier nichts, was an einen chirurgischen Eingriff erinnert, mit nur einer einzigen Ausnahme, bei den Makuamädchen nämlich. Eine allen Stämmen gemeinsame Einrichtung ist es, daß auch jedes Mädchen beizeiten ihre Führerin durch das Unyago bekommt, eine Freundin gleichzeitig für das ganze Leben. Unter der Leitung dieser älteren Frauen und Mädchen macht die Schar der Novizen zunächst einen Lehrgang durch, der inhaltlich ganz dem der Knaben entspricht: die Kinder werden rückhaltlos über alle Geschlechtsverhältnisse aufgeklärt und müssen alles lernen, was sich auf das spätere Eheleben bezieht; dazu müssen sie auch lernen, was die Sitte im Verkehr mit den Stammesgenossen und vor allem mit den Familienmitgliedern vorschreibt. Das ist bei Yao, Makonde und Matambwe einstweilen alles; für die Makua tritt noch ein anderes hinzu: bei ihnen erfolgt wirklich eine Art körperlicher Eingriff. Ich habe es zunächst nicht glauben wollen, bis ich mich schließlich durch mehrfachen Augenschein habe überzeugen können: ganz systematisch müssen die heranwachsenden Mädchen die labia minora verlängern bis zur Größe von 7 bis 8 und mehr Zentimetern. Der Endzweck der ganzen Maßnahme ist erotischer Natur. Auch bei den andern Stämmen ist nach meinen Gewährsmännern diese merkwürdige Sitte im Schwange, doch ist es mir bisher noch nicht gelungen, sie bei Anhörigen von ihnen zu Gesicht zu bekommen. Schon bei den Makuafrauen war dies schwer genug; erst durch die geschickte Ausnutzung der Lage habe ich Erfolg gehabt. In Newala verbüßten ein paar Frauen eine Art Schuldhaft; ihre Männer waren die Hüttensteuer schuldig geblieben, die nun von den Frauen abgearbeitet wurde. Ich erbot mich, die wenigen Rupien in bar zu erlegen gegen das Recht, die beiden Individuen „im Naturzustande“ photographieren zu dürfen. Zunächst gingen beide unter Lachen auf den Handel ein, später aber wurden sie schamhaft; ich habe sie schließlich noch im frühen Morgennebel in unserer dunkeln Barasa auf die Platte bannen müssen.
Eröffnungs- und Schlußfest begleiten auch diesen ersten Unyagokursus der Mädchen. Daß es dabei ebenfalls hoch hergeht, habe ich an allen drei Orten, wo ich das Chiputu oder Echiputu durch meine Gegenwart zu verherrlichen Gelegenheit gehabt habe, persönlich verfolgen können. Der Durst ist bei dem vielen Tanzen erklärlich!
Knabe und Mädchen werden nun allmählich heiratsfähig; ich habe mich immer wieder bemüht, das Heiratsalter für beide Geschlechter wenigstens annähernd festzustellen, es ist mir jedoch nicht recht gelungen. Die Individuen selbst sind, wenn man sie nach ihrem Alter fragt, stets ungeheuer erstaunt über eine solche Frage — wie soll ich wissen, wie alt ich bin? will der Blick, mit dem sie den Frager messen, bedeuten —, den Angehörigen aber ist das Alter der Familienglieder ganz gleichgültig. Im allgemeinen wird sehr früh geheiratet; der beste Beleg dafür sind die noch recht jungen Mütter, die sich in jeder größeren Volksversammlung vorfinden, blutjunge Dinger, meist nicht viel weiter entwickelt als unsere Konfirmandinnen. Nach Matola ist früher die Massanjeheirat sehr häufig gewesen; bei ihr wurden schon ganz junge Kinder von 5 bis 7 Jahren miteinander verbunden; man baute ihnen Hütten, in denen sie wohnen mußten. Ab und zu soll diese Einrichtung auch heute noch vorkommen. Nach demselben Gewährsmann herrscht sodann allgemein der Brauch, daß, wenn eine Frau geboren hat, während ihre Nachbarin dem freudigen Ereignis erst noch entgegensieht, jene erste sagt: „Ich habe einen Sohn; bekommst du eine Tochter, so sollen die beiden einander heiraten“, oder aber: „Ich habe eine Tochter, bekommst du einen Sohn, so sollen die beiden einander heiraten.“ Dies geschieht denn auch.