Der Neger ist ein Bauer, nicht nur seinem Berufe nach, sondern auch, wenn er auf die Freite zu gehen sich anschickt; auf keinem anderen Gebiet ist die Gesinnungsverwandtschaft mit unserem Landvolk tatsächlich so verblüffend wie gerade bei dem wichtigen Geschäfte der Werbung. Um es kurz auszudrücken: der verliebte Negerjüngling ist zu schüchtern, um durch eine kühne Tat sein Glück selbst zu schmieden, er benötigt dazu eines Freiwerbers; ganz wie unsere ländlichen Heiratskandidaten auch. Die gegebene Persönlichkeit für dieses Amt ist der eigene Vater; dieser macht unter irgendeinem Vorwand bei den Eltern der präsumtiven Braut seinen Besuch und bringt im Laufe der Unterhaltung das Gespräch auf die Heiratspläne seines Sprößlings. Geht die Gegenpartei auf die Angelegenheit ein, so ist sie auch bald zu einem befriedigenden Abschluß geführt, sofern nämlich auch die Maid einverstanden ist. Die jungen Mädchen sind in Wirklichkeit durchaus nicht in dem Maße bloß Sache, wie wir anzunehmen geneigt sein möchten, sondern sie wollen sehr wohl um ihre Zustimmung angegangen sein, und mancher schöne Heiratsplan zerschlägt sich lediglich aus dem Grunde, weil die junge Dame einen andern liebt. Auch in dieser Beziehung besteht also nicht der mindeste Unterschied zwischen Weiß und Schwarz. Selbstverständlich sind nicht alle Negermädchen Heldinnen des Willlens und der Standhaftigkeit; so manche läßt sich überreden, statt des heimlich geliebten jungen Stammesgenossen einen ihr gleichgültigen alten Herrn zu nehmen; dann läuft sie jedoch, wie das auch anderswo vorkommen soll, Gefahr, von den Gespielen aufgezogen zu werden. Der „junge“ alte Ehemann aber darf ziemlich sicher sein, daß nicht er es allein ist, der die Gunst seiner jungen Frau genießt.
Die Heirat ist ein Geschäft, so denkt der Neger, ganz im Sinne seiner sonstigen Psyche; der Kontrakt gilt denn auch erst in dem Moment als abgeschlossen, wo die beiderseitigen Väter sich über die Höhe des vom Bräutigam zu zahlenden Brautgeschenkes geeinigt haben. Die Leute hier im Süden sind arm, sie haben weder große Herden breitstirniger Rinder, noch auch blökendes Kleinvieh, der ganze Brautkauf, wenn das Wort überhaupt eine Berechtigung hätte, besteht demnach lediglich in der Überreichung einer nicht einmal großen Menge Zeugstoffes.
Ethnographisch viel anmutender als die soeben skizzierte Yaowerbung ist das Verfahren bei Makonde und Makua. Bei diesen treten zwar zunächst auch erst die beiden Väter einander näher, doch sind sie im Grunde genommen nur Vorpostenlinie; die eigentliche Hauptschlacht wird nachher von den Müttern geschlagen, denen entweder ihr ältester Bruder oder aber alle Brüder kräftig Sekundantendienste leisten. Aus dem hier noch in voller Blüte stehenden Mutter- oder Neffenrecht heraus ist die Zuziehung gerade dieser Elemente auch ganz erklärlich.
Von der Standhaftigkeit junger Negermädchen weiß übrigens Nils Knudsen eine nette, kleine Geschichte zu erzählen, in deren Mittelpunkt er sogar selbst als Held steht. In seiner langjährigen Vereinsamung auf Luisenfelde und im Verfolg seines vollkommenen Aufgehens im Volkstum der Wayao hatte sich der blonde Nils einstens auch ein schwarzes Weib genommen. Noch jetzt, nach Jahren, rühmte Knudsen die Tugenden dieser Chipiniträgerin; hübsch sei sie gewesen und häuslich und wirtschaftlich auch, einen ganz ausgezeichneten Ugali habe sie gemacht, und was es an Hausfrauentugenden im Busch noch mehr gibt. Da habe es das Schicksal einstmals gewollt, daß er, seiner Jagdleidenschaft frönend, an den Rovuma gezogen sei; schon nach wenigen Tagen sei er aber heimgekehrt. Müde und abgespannt, mit dem breiten, pendelnden Seemannsschritt, den Nils sich noch aus seiner jäh abgebrochenen Schiffsjungenzeit bewahrt hat, schreitet er seiner primitiven Behausung im Angesicht des stolzen Herrenhauses zu; alles ist still, nichts rührt sich diesmal, im Gegensatz zu sonst, wo das schwarze Weibchen mit dem verschämten Lächeln, wie es eben nur der jungen Negermaid eigen ist, dem blonden Herrn und Gebieter freudig entgegenschritt. Immer noch ahnungslos betritt der Jäger die Küche, den gewohnten Aufenthaltsort der stets Fleißigen; sie ist leer; ebenso das Schlafgemach; desgleichen der Wohnraum mit seiner mehr als dürftigen Ausstattung. Deren Hauptstück ist, wie in jedem afrikanischen Haushalt, der Tisch; auf ihn fallen unwillkürlich die Blicke des Suchenden, und hier findet er endlich auch ein Lebenszeichen und zugleich die Aufklärung über das Vorgefallene. Ein wirres Knäuel ist es, von derber Bastschnur, aber sie ist bis zum Übermaß verknotet. Nils Knudsen hat später die Knoten gezählt; ihrer siebzig sind es gewesen; die Bedeutung des Ganzen war nach den Erklärungen der Stammesweisen: „Siehe, mich haben meine Verwandten von dannen geführt; sie sehen es nicht gern, daß ich mit dem weißen Mann zusammenlebe; ich soll einen schwarzen Mann heiraten, der weit drüben jenseits des Rovuma wohnt. Aber selbst wenn ich so viele Jahre alt werden sollte, wie der Faden Knoten zeigt, ich nehme den schwarzen Mann nicht, sondern bleibe dir, dem Weißen, treu.“ So lautete Nils Knudsens Erzählung; teils mit Rührung, teils mit dem Stolz umworbener Männer schloß er daran die fernere Mitteilung, daß das Mädchen seinen Schwur tatsächlich halte; es säße weit im Innern von Portugiesisch-Ostafrika, ganz in der Nähe des ihm bestimmten Mannes, doch selbst der härteste Druck seiner Verwandten sei nicht imstande, seinen starken Sinn zu beugen. — „Die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn!“
Sehr nüchtern ist die Negerhochzeit; fast könnte man sagen, sie existiert gar nicht. Verlobung und Hochzeit, wenn man so sagen darf, fallen zeitlich zusammen, denn sobald der Heiratskandidat die Zustimmung der maßgebenden Faktoren erlangt hat, besteht keinerlei Hindernis mehr für das Zusammenziehen des Pärchens; höchstens, daß erst eine neue Wohnhütte für die jungen Leute errichtet werden muß. Und wenn diese bezogen ist, dann beginnt jener für das Empfinden von uns schlechten Europäern so seltsame Schwiegermutterdienst, von dem ich früher bereits gesprochen und geschwärmt habe. Kommt, laßt uns in uns gehen, auf daß wir uns bessern! Dann würden wir doch in einer Beziehung die Kulturhöhe des Negers erklimmen!
Nun aber setzt das Kapitel der gegenseitigen Heiratsmöglichkeit ein. Wer darf einander ehelichen, und wem ist es durch altgeheiligten Brauch verboten? Nicht einmal bei uns Weißen ist diese Frage belanglos, um wieviel weniger aber bei Leuten, die sich in sozialer Hinsicht den Urzuständen der Gesellschaft noch ein gut Teil näher befinden als wir demokratisierten Vertreter der sogenannten Vollkultur. Gehört es für die Weisen eines australischen Stammes zu den höchsten Problemen der Sozialwissenschaft, einwandfrei und fehlerlos auszurechnen, welche Maid aus der näheren oder weiteren Umgebung gerade der Jüngling A des Stammes heiraten darf, und welche für den Jüngling B in Frage kommen kann, so ist es auch für die Heiratslustigen am mittleren Rovuma nicht belanglos, wohin ihre Neigung fällt.
Es ist am Spätnachmittag; in der Barasa von Newala kauern 15 schwarze Männer würdigen Alters, wie schon Wochen hindurch, auf der großen Matte; von Zeit zu Zeit erhebt sich einer der Alten mühselig, verläßt mit steifgewordenen Beinen den Raum, kommt aber stets nach kurzer Zeit wieder. Die Halle ist heiß, ein übler Dunst liegt über der Versammlung, so daß der Europäer im gelben Khakianzug, der so eifrig an seinem Klapptisch schreibt, sich wieder und wieder an die schmerzende Stirn greift. Die Versammlung ist sichtlich müde, sie hat aber heute auch ein gar zu schwieriges Arbeitsfeld betreten. Stunde um Stunde habe ich, denn ich bin der Mann mit den Kopfschmerzen, erst Nils Knudsen die Grundzüge der menschlichen Ehegebräuche, der verschiedenen Stammesaufteilungen, des Totemismus, des Vater- und des Mutterrechts, kurz einer ganzen Reihe von Punkten aus der Soziologie klarzumachen versucht, mit nur sehr mäßigem Erfolg, wie ich mich bei jeder meiner Fragen überzeugen muß. Jetzt gilt es, im Bunde mit Sefu, dem sonst so Gewandten, und dem blonden Norweger, der sich noch immer nicht von seinen Darmstörungen erholen kann, aus den 15 Stammesweisen über alle diese Sachen herauszuholen, was zu holen ist. Von allen den kleinen Mißerfolgen bin ich schon ganz wild geworden, wild und müde zugleich, so daß ich nur eben noch mit einiger Mühe eine Frage in die Gelehrtenrepublik zu schleudern vermag.
„Nun, alter Dambwala, du bequemer Mann, du hast einen Sohn, nicht wahr?“
„Jawohl, Herr.“
„Und du Nantiāka, alter Don Juan, du hast eine Tochter, nicht wahr?“