„Jawohl, Herr.“
„Schön, kann denn nun dein Sohn, Dambwala, hier die Tochter von Nantiāka heiraten?“
„Nein.“
„Und warum nicht?“ Ich muß wirklich sehr müde und abgespannt sein, denn selbst die verwunderte Bestimmtheit, mit der das „nein“ herauskommt, erweckt in mir keine sonderlich erwartungsvollen Gefühle. Ich horche erst auf, als in der nun erfolgenden Begründung jenes „nein“ das Wort Litaua an mein Ohr schlägt. „Nini litaua? Was ist Litaua?“ frage ich jetzt, schon völlig ermuntert und aufgefrischt. „Nun, Litaua ist Litaua.“ Langes Schauri; auch die schwarzen Intelligenzen, die gleich uns Weißen schon halb eingedöst waren, sind wieder zu geistiger Rührigkeit erwacht; Kimakonde, Kiyao und Imakuani, alle drei Sprachen tönen wie im Kaffeekränzchen durcheinander. Endlich ist die Definition gefunden; in die Fachsprache übersetzt, lautet sie: die Litaua ist der mutterrechtliche, exogamische Geschlechtsverband, der alle diejenigen umfaßt, die von einer Urmutter abstammen; es erbt nicht der Sohn des Vaters, sondern einer der Söhne der Schwestern, und der junge Makonde nimmt sein Weib nicht aus der eigenen Litaua, sondern er sucht sie sich in einer der vielen andern Mataua. Bei den Makua sei das gerade so, dort aber hieße die Litaua Nihimmu.
Den Abend dieses Tages — es ist der 21. September gewesen — habe ich mit dem Gefühl durchlebt, auf einen der erfolgreichsten Abschnitte meiner ganzen Afrikareise herabblicken zu können; um ihn zu feiern, haben Knudsen und ich statt der einen Flasche Bier, die wir uns sonst ehrlich teilten, uns diesmal deren zwei geleistet.
„Bier? Ja, woher habt ihr denn auf einmal Bier?“ Jedes Volk hat seine Sitten, jedes Volk hat seinen Trank, so möchte ich dichten, gleichzeitig indes hinzufügen, auch jeder Örtlichkeit ist ihr besonderes Getränk angepaßt. Im heißen Tiefland Bier? Brrr! Aber hier oben, den Wolken nahe und im kühlen Novemberost der Abende, hei, da wäre ein Becher deutschen Bieres wohl angebracht. Wie eine Eingebung ist mir vor Wochen der Gedanke durch den Kopf gefahren; gerade trifft es sich, daß ein Dutzend Lasten ethnographischer Sammelstücke nach Lindi hinunter müssen. Schon am nächsten Morgen schreiten zwölf starke Männer eiligen Schrittes gegen Nordosten der fernen Küste zu; wenn sie sich nicht aufhalten, werden sie in zwei Wochen wieder zurück sein. In allen früheren Fällen ist mir der voraussichtliche Termin der Rückkehr meiner Boten ziemlich gleichgültig gewesen; diesmal haben wir beiden Weißen, ehrlich gestanden, die Tage gezählt, und als sich an einem Sonntagvormittag weit draußen im Busch das unverkennbare Getöse von Wanyamwesiträgern, die dem Endpunkt ihrer Reise zueilen, vernehmen ließ, da sind wir der großen Kiste entgegengeeilt, die für uns so viel Schönes und Langentbehrtes barg, nicht bloß schweren, deutschen Porter von Daressalam, sondern vor allem die so lang vermißte Milch, die uns beiden gegenwärtig stark abgemagerten Einsiedlern mehr als alles andere nottut.
An jenem für mich denkwürdigen Nachmittage indessen hatte ich durchaus keine Muße, an die materiellen Genüsse zu denken.
„Also dein Sohn, Freund Dambwala, kann Nantiakas Tochter nicht heiraten, weil ihr derselben Litaua angehört; wie heißt denn deine Litaua?“
„Waniuchi.“
„Und wo wohnt ihr?“