„In und um Niuchi.“
„Und du, Kumidachi,“ wende ich mich an einen andern, mit einer funkelnagelneuen, buntbestickten Jumbenmütze bekleideten Alten, „welcher Litaua gehörst du an?“
„Nanyanga“, tönt es prompt zurück. Blitzschnell ist der Name niedergeschrieben; schon ruht mein Auge fragend auf dem nächsten der Weisen. Der weiß jetzt schon, worum es sich handelt, denn er ist einer von den klügsten. „Wamhuīdia“, kommt es von seinen Lippen.
Aber so darf ich nicht weiter arbeiten; was ist ein Name? Schall und Rauch; auch die Bedeutung muß ich kennen. Schon von meinen Namenstudien her weiß ich, wie gern die Neger sich mit etymologischen Erklärungen befassen; es bedarf auch hier nur eines kleinen Anstoßes, um der Nennung des Litauanamens sofort die Bedeutung des Wortes folgen zu lassen. Das Wort „Waniuchi“ habe ich mir selbst als „die Leute von Niuchi“ übersetzt; in den hiesigen Bantusprachen bedeutet ja das Präfix wa nichts anderes; doch die Übersetzung genügt den schwarzen Philologen nicht, niuchi heiße die Biene, und die Waniuchi seien Leute, die den Honig dieser Bienen in den Bäumen suchten; die Nanyanga aber, das seien die Flötenbläser im Kriege, nanyanga sei die Makondeflöte. Die Wamhuidia endlich hätten ihren Namen von ihren kriegerischen Vorfahren; diese hätten fortwährend Krieg geführt und alles niedergeschlagen; der Sippenname käme her vom Verbum muhidia, niederschlagen.
Die alten Herren haben an jenem Nachmittag trotz ihrer starken Müdigkeit viel länger ausharren müssen als sonst; ich hatte Blut geleckt und habe sie ausgesogen, bis ihr armes, des angestrengten Denkens so ungewohntes Gehirn um Sonnenuntergang schließlich völlig versagte. Doch einen Extra-Bakschisch hat es gegeben als Lohn für die aufopferungsvolle Hilfe bei dem schwierigen Kapitel. Selbst Moritz, der Finanzminister, hatte heute nicht seinen gewöhnlichen melancholischen Hängemund, sondern verzog sein braunes Negergesicht zu einem freundlichen Grinsen, als er nach Feierabend hinging, um den Gelehrten das funkelnagelneue Silberstück in die Hand zu drücken. Seitdem habe ich das Sippenwesen mit aller Ausdauer zu ergründen versucht, und ich muß gestehen, ich weiß nicht, worüber ich mehr staunen soll: über die soziale Differenzierung der Stämme unter sich, ihren Zerfall in ungezählte Mataua und Dihimmu (Plural von Nihimmu), oder über die Tatsache, daß, wie ich annehmen muß, keiner meiner Vorgänger auf dem hiesigen Beobachtungsfelde auf diese Einrichtung aufmerksam geworden ist. Ich wundere mich in der Tat über diesen Punkt, aber wenn ich es mir überlege, habe ich doch kaum Anlaß dazu; zunächst bin doch auch ich monatelang im Lande umhergezogen, ohne von jenem Sippenwesen das Geringste zu ahnen; sodann aber ist es lediglich Zufall, daß in jenem denkwürdigen Schauri vom 21. September die Antwort gerade in der geschilderten Form fiel. Glück muß der Mensch haben, der Forschungsreisende aber viel Glück!
Es bedarf keines Hinweises, daß ich nach jener folgenschweren Entdeckung auch sofort wieder auf das Yaoproblem zurückgekommen bin. Als von meinen Makua- und Makondemännern ein Sippenname nach dem andern mitsamt den schönsten Erläuterungen mir ins Notizbuch diktiert wurde, sprach Nils Knudsen das große Wort: „Ja, so was haben die Yao auch.“ Zehn Minuten später waren bereits schnellfüßige Boten unterwegs, um unten aus der Ebene von Wayaomännern heraufzuholen, was irgendwie auf einige Intelligenz Anspruch machen durfte. Sie sind auch alle gekommen, die Entbotenen: Susa und Daudi und Massanjara und wie sie heißen. Leicht war das Examen auch jetzt noch nicht, weder für mich, noch für die Auspressungsobjekte, aber ich habe nach redlichem Mühen doch noch so viel herausbekommen, um sagen zu können: „Nils hat wirklich recht, auch die Yao haben so etwas“, ja bei ihnen ließ sich sogar unschwer eine Doppeleinteilung in der Art feststellen, daß über den exogamischen mutterrechtlichen Sippen noch eine Einteilung in große Gruppen besteht, die von jener feineren Einteilung ganz unabhängig sind.
Von den großen Gruppen des Yaovolkes, das heute über einen außerordentlich großen Teil Ostafrikas verteilt ist, indem es vom Schirwasee im Süden bis fast vor die Tore von Lindi im Norden reicht, kennen wir die folgenden: die Amakāle in der Region der Rovumaquellen; die Achinamatāka oder Wamwembe bei Mataka zwischen dem Rovuma und dem Ludjende; die Amassaninga, ursprünglich am Südende des Nyassasees; die Achinamakanjīra oder Amachinga am oberen Ludjende; die Mangoche in der Nachbarschaft von Blantyre. Die Angabe der Wohnsitze dieser großen Gruppen, wie sie hier erfolgt ist, hat heute nur noch einen historischen Wert. Durch die von mir früher schon geschilderte, ganz allmählich erfolgte Abwanderung großer Volksteile sind die alten Gruppengrenzen längst verwischt und kartographisch heute gar nicht mehr festlegbar. Auch die Makosyo (Plural von lukosyo, die Sippe) lassen sich kartographisch unmöglich festlegen, weder hier noch bei den andern Völkern; einzelne dieser Geschlechtsverbände haben wohl ein bestimmtes Verbreitungszentrum, im allgemeinen aber herrscht im Kleinen dasselbe Durcheinander wie im Großen.
Ich habe nicht aus Neugier so zäh nach der Bedeutung der Sippennamen geforscht, sondern hauptsächlich aus folgendem Grunde. In der menschlichen Urgesellschaft ist kaum etwas so auffallend wie die weitverbreitete Einrichtung des Totemismus. Das Wort Totem kommt aus Nordamerika und bedeutet ursprünglich den Namenszug wackerer Irokesenhäuptlinge, mit dem sie ihre Verträge mit dem Blaßgesicht unterzeichneten. Dies geschah nicht in der Form schlanker Schriftzüge, sondern in der einer ungefügen Zeichnung, die eben das Totem darstellte, das Stammestier, von dem die Sippe des Unterzeichners ihre Abstammung herleitete. Bei den amerikanischen Indianern hat man diesen Totemismus, wie man die Erscheinung in der Völkerkunde nennt, im weitesten Maße verbreitet vorgefunden und auch zuerst gründlich studiert, später hat man indes festgestellt, daß der gleiche Totemismus auch anderswo in trefflichster Ausbildung vorhanden ist; in Australien, anscheinend auch in Melanesien, in ausgeprägtester Weise sodann bei sämtlichen alten Völkerschichten in Vorderindien, und sonst noch hie und da. In den meisten Fällen leiten die Sippen ihre Herkunft von einem Tier ab. Dieses gilt dann als heilig und unverletzlich und darf meist nicht gejagt und gegessen werden, ja in vereinzelten Fällen gilt es sogar als die höchste Ehrung und das größte Glück für den Menschen, von dem Totemtier seinerseits gefressen zu werden! Auch kleine, ungefährliche Tiere, Insekten und dergleichen, werden als Totem gewählt, desgleichen auch Pflanzen; wo sollten z. B. bei den unzähligen Totems in Südindien die erforderlichen großen Tiere herkommen? Ich kann hier nicht die ganze, lange Reihe der von mir gesammelten Sippennamen für alle drei Völker aufzählen, sondern muß auch für diesen Teil meiner Ergebnisse auf die amtliche Publikation hinweisen. Aber interessant ist es mir doch gewesen, zu sehen, daß zwar kein den Eingeborenen bewußter Totemismus mehr besteht, daß aber doch mancher kleine Zug an sein früheres Vorhandensein erinnert. Diese Züge im einzelnen nachzuweisen, wird eine hübsche Aufgabe späterer Untersuchungen sein.
Von der Art der Sippennamen hier nur einige Beispiele.
Matola wie auch sein Vetter, unser gemeinsamer Freund Pastor Daudi, gehören der Lukosyo der Achemtinga an, gleichzeitig aber auch zu der großen Gruppe der Amachinga. Das Präfix che- (auch ku-) hat die Bedeutung Herr oder Frau; Chemtinga aber ist nach Daudi ein großer Yaohäuptling in der Region des oberen Ludjende gewesen.