Damit ist endlich das letzte Wort gesprochen. In dem unnachahmlichen, eigentümlich drehenden Gang der Negerin, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt, eilen die Beraterinnen, so schnell es ihre Würde zuläßt, auf den Festplatz zu den übrigen. L-l-l-l-l-l-l-l-l schwirrt im gleichen Augenblick auch schon der bekannte hohe Trillerton durch die Luft; die Trommeln, von nerviger Männerfaust geschlagen, setzen von neuem ein; eine gewaltige Staubwolke erhebt sich über dem Ganzen, alles ist in Bewegung und voll echter, des sonstigen Elends gänzlich unbewußter Negerlust. Nur eine sitzt stumm und still dabei, die junge Frau; ihr ist die Teilnahme an diesem Fest gänzlich untersagt, dem soeben empfangenen Lehrkanon zufolge. Ihre braunen Augen, die verdienten, schön genannt zu werden, störte nicht das unreine, von gelblichbraunen Flecken durchsetzte Weiß den Eindruck, schauen sinnend auf ein und denselben Punkt; ob sie wohl der schweren Stunde gedenkt, der sie in wenigen Monaten entgegensieht? Das alte Bibelwort: „Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären“ gilt ja auch für die schwarze Rasse. Aber gleichwohl, ich für meine Person glaube nicht, daß das junge Ding in solche Fernen vorausschaut; dies liegt an sich schon nicht im Wesen der Jugend, die Zukunft Afrikas aber hat erst recht keine Veranlassung, mit Sorgen in die Zukunft zu schauen. O du glückliche Negerrasse, wie beneidenswert bist du in deiner Fähigkeit, nur dem Heute zu leben und dem Morgen seine Sorgen ganz und ungeteilt allein zu überlassen! Heute ist heut, das ist deine Devise.

Grabbäume an der Boma von Newala (s. [S. 398]).

Sechzehntes Kapitel.
Schlußzeit in Newala.

Newala, 10. Oktober 1906.

„Morgen muß ich fort von hier und muß Abschied nehmen.“ Africa non cantat, habe ich immer geglaubt. Der unmusikalische Nils ist niemals über die Anfangsworte seiner nordischen Nationalhymne hinausgekommen, während ich, und zwar stets nur beim Anblick von Mambo sasa, lediglich das Thema: „Das ist nun mal so Sitte“ aus der „Fledermaus“ flötend habe variieren können. Doch heute, nach so vielen Wochen Newala, da habe auch ich mich endlich zu einem wirklichen deutschen Kantus emporzuschwingen vermocht. Die Stimme war von dem langen Schweigen doch etwas eingerostet.

A propos Fledermaus. Ich muß auch in bezug auf sie einer Art Ahnung gefolgt sein, indem ich in Berlin meinen fünf Dutzend unbespielten phonographischen Aufnahmewalzen ein ferneres halbes Dutzend bespielte beifügte, mit denen ich den grimmen Sinn der afrikanischen Wilden zu besänftigen gedachte. An der Auswahl dieser sechs Musikstücke bin ich gänzlich unschuldig, ich habe sie derselben Verkäuferin überlassen, die mir die Zusammenstellung des übrigen phonographischen Instrumentariums besorgt hat. Ob die betreffende junge Dame eine genaue Kennerin der Negerpsyche gewesen ist, oder worauf sie sonst ihre Auswahl gegründet hat, ich weiß es nicht, Tatsache aber ist es, daß zwar nicht alle sechs, wohl aber die größere Hälfte dieser Walzen ungeheuer gefällt. Ein amerikanischer Marsch macht mit Recht keinerlei Eindruck; auch ein Liederpotpourri fesselt mein schwarzes Publikum nur wenig; es scheint sich nichts dabei denken zu können. Dann folgen in dem Programm, dessen Aufstellung ich stets Nils Knudsen überlasse, schon damit er endlich einmal mit dem Phonographen umzugehen lernt, „Die beiden kleinen Finken“. Verständnisvoll leuchtet da und dort ein Augenpaar auf, wenn das Vogelgezwitscher anhebt, und blitzende Gebisse zeigen sich hinter der brusthohen Lehmwand, die den Innenraum unserer Barasa von dem Außengang abschließt. Und dann kommt „Der Specht“. Mit tiefem Bierbaß hallt es aus dem Trichter heraus: „Der Spächt, Xylophonsolo des Herrn Müller, Original-Columbiawalze.“ Mit förmlich aufgerichteten Ohren, fast fieberhaft erregt, beugt sich die ganze schwarze Gesellschaft über den Rand; nur die Alten, Erfahrenen, die schon an der Küste gewesen sind und daher das Recht haben, blasiert zu erscheinen, markieren ein verständnisvolles Lachen. Doch dieses Lachen verstummt, sobald die wirklich reinen, von keinem Nebengeräusch entstellten Töne meines Apparates die unverkennbaren Laute gerade des Xylophons aufs treffendste vortäuschen. Man merkt, die Leute haben doch etwas Gehör und empfinden die Harmonie der Töne vielleicht so wohltuend wie wir. Und zudem: diese Töne sind ihnen ja durchaus nichts Fremdes, denn das Mgoromondo, das uns bereits bekannte Strohxylophon, hat genau die gleiche Klangfarbe. So strahlt denn auch, wenn zum Schluß das Klopfduett einsetzt, alles an den Leuten: die Augen, die Zähne, das ganze Gesicht, ja der ganze Kerl, denn immer enger haben sie sich aufeinandergepreßt, und kühl ist es zur Stunde gerade auch nicht. „Die Schmiede im Walde“ bringt kaum eine Steigerung des negroiden Lustgefühls; sichtlich ist dieses Gefühl außerordentlich groß und ganz allgemein, aber der Schmied ist ihnen ja etwas Alltägliches, und den Hammertakt mit seinem Rhythmus kennen sie so gut wie wir. Doch nun das Bravourstück. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß, wenn ein Weißer in langer Abgeschlossenheit und unter Wilden von der Höhe des Kulturmenschen mehr oder minder herabsinkt, das Bestreben, wieder emporzuklimmen, sich zuerst auf musikalischem Gebiet geltend macht. Nils Knudsen kann die „Fledermaus“ siebzehnmal hintereinander hören und hat immer noch nicht genug; das sei wahre, echte Musik, meint er, und zieht den Apparat von neuem auf. Auch den Schwarzen gefallen die kecken, frischen Weisen außerordentlich, und wenn es nun gar die Stimmung des Augenblicks will, daß ich mich zu ein paar Polka- oder Walzertakten hinreißen lasse und mit meinen 180 Pfund, einer Elfe gleich, um den Phonographentisch schwebe, dann ist das Entzücken der Hörer unbeschreiblich. Das ist dann aber auch der richtige Augenblick, wo ich in den Stand gesetzt werde, den Spieß umzudrehen und nunmehr die Herren Schwarzen als Akteure auftreten zu lassen. Die hiesigen Eingeborenen sind in dieser Richtung verwünscht unzugänglich; schon die Männer sind nur in der auf solche Weise herbeigeführten Ekstase vor den Trichter zu bringen, von den Frauen ganz zu schweigen; diese sind wie der Wind davon, wenn man sie einmal haben will.

Auch die Männer sind mir hier oben in Newala einmal eine Zeitlang weggeblieben. Ich saß schon ziemlich tief in meinen Sprachaufnahmen, in die ich mich in den letzten Wochen immer mehr verrannt habe, so daß mir meine wachsende Vereinsamung zunächst nicht auffiel. Erst als Knudsen und ich kaum noch etwas anderes zu Gesicht bekamen als die Gestalten meiner drei Sprachmenschen, des Akiden Sefu, des Yaolehrers Akuchigombo, zu deutsch: Herr Zahnbürste, und seines Adjunkten, des Makualehrers Namalowe, zu deutsch: Herr Echo, da wurde es mir immer klarer, daß ein mir einstweilen noch verborgener Umstand die Ursache für dieses „Geschnittenwerden“ seitens der Eingeborenen sein müsse. Weder Sefu noch die beiden Lehrer konnten oder wollten uns aufklären. Herr Echo war erst seit kurzer Zeit am Ort, um unter der Leitung seines älteren Kollegen in die Geheimnisse der englischen Missionspädagogik eingeführt zu werden; er war somit entschuldigt. Aber daß auch die beiden anderen auf meine Anfragen ewig nur die gleiche Antwort „si jui, ich weiß nicht“ hatten, erboste mich doch sehr. Indessen auch ihnen gegenüber mußte ich mir sagen: sie sind landfremd, Sefu ist Küstenmann und ist als Akide ganz wie bei uns wahrscheinlich mehr gefürchtet als beliebt, Herr Zahnbürste aber gilt schon auf Grund seines hohen Bildungsgrades als außerhalb der Menge stehend; er hat Sansibar gesehen, hat also sozusagen studiert und schwebt als Lehrer der Missionsjugend hoch über dem gemeinen Volk der Analphabeten. Diese Missionsschule bildet nebst einer verrosteten Brunnenröhre und einer kleinen Kirchenglocke, die nach Landessitte hoch oben aus dem ersten besten Baum ihren hellen Ton über das afrikanische Pori erschallen läßt, die letzte Erinnerung an die alte, blühende Missionsstation Neu-Newala.

Erst vor wenigen Tagen ist uns die Aufklärung über unsere Vereinsamung geworden; Knudsen hat das Nähere aus dem Munde eines alten Freundes aus dem Tieflande erfahren. Die Aufklärung lautet für uns Europäer wundersam genug, ist aber echt afrikanisch. Danach gelte ich gegenwärtig in den Augen der Eingeborenen weit und breit als großer Zauberer.

„Habt ihr’s nicht gesehen,“ so spricht nach dem Bericht jenes schwarzen Zwischenträgers ein mir dem Namen nach einstweilen noch unbekanntes Individuum zu seinen Landsleuten, „habt ihr es nicht gesehen, wie der weiße Mann euch eurer Kleider beraubt und wie er euch zu völlig nackten Menschen macht? Ich weiß es ganz genau; wenn er unter sein großes schwarzes Tuch kriecht, dann geschieht dieser Zauber. Ihr steht da, mit euren Kleidern angetan, doch wenn der weiße Mann dann am nächsten Tage, nachdem er am Abend stundenlang in seinem Zelt gestanden und mit viel Daua hantiert hat, seine Bilauri, seine Gläser, ordnet, dann seid ihr auf diesen Platten ganz nackend. Und wenn ihr unklug genug seid, euch vor die andere Maschine zu stellen, dann nimmt der weiße Mann euch sogar eure Stimme. Er ist ein großer Zauberer, und seine Medizinen sind stärker als selbst unser Chissangu. Wir haben Krieg gemacht gegen die Wadachi, gegen die Deutschen, aber was sind wir für Toren gewesen, gegen dieses Volk zu fechten; denn dieser weiße Mann ist auch ein Deutscher!“