So also spiegeln sich im Geist der unberührtern Buschbevölkerung unsere doch wirklich recht harmlosen ethnographischen Arbeitsapparate wider. Ich gestehe gern, daß die Komik meiner Situation und meiner Rolle einstweilen weit das Ärgerliche meiner sonstigen Lage übertraf, und herzlich haben wir beiden weißen Männer erst einmal über den ganzen Fall gelacht. Daß der Phonograph den Leuten mehr oder weniger unheimlich gewesen war, kam mir erst jetzt zum Bewußtsein; der Apparat hatte stets so gestanden, daß die Zuschauer nur den Trichter und die glatte Vorderseite sehen konnten; die rotierende Walze war ihnen stets unsichtbar geblieben. Die Leute hatten wohl gesehen, daß Knudsen oder ich irgendeine Manipulation vorgenommen hatten, aber welcher Art der ganze Vorgang war, davon hatte sich keiner ein Bild machen können. Daher denn wohl auch die Steigerung des Unerklärlichen zum Unheimlichen und meine Beförderung zum stimmenraubenden Zauberer. Rühmend will ich übrigens an dieser Stelle des edlen Susa erwähnen; er hat einmal, aber doch auch erst, nachdem ich den Zauber auf andere Weise gebrochen hatte, einen günstigen Augenblick benutzt, ist um den Apparat herumgegangen und hat die rotierende Walze gesehen. Seitdem ist für diesen intelligenten Mann und für den einsichtigern Teil seines Anhangs der Phonograph eine ebenso harmlose Maschine wie alles andere auch, was der weiße Mann aus dem fernen Uleia ins Land bringt.
In bezug auf meinen Entkleidungszauber habe ich selbst sehr energisch eingegriffen. Durch sehr wirkungsvollen Zuspruch haben wir ein paar schwarze Männer und Weiber vor die Kamera gestellt, haben sie getypt und das Verfahren bis zur fertigen Ausichtspostkarte durchgeführt. „Nun, seid ihr etwa nackt auf dem Bilde hier, oder habt ihr eure Kleider an? Und sind das nicht dieselben Kleider wie ihr sie dort an euren schwarzen Leibern tragt?“ Halb ängstlich, halb verblüfft ob des nie Gesehenen haben Männlein und Fräulein das Wunder des Bildes angestaunt; dann sind sie alle mit ihren Konterfeis davongezogen, nachdem sie noch die ernsthafte Weisung mit auf den Weg bekommen hatten, nun aber auch jedermann zu sagen, daß der weiße Mann durchaus kein Zauberer sei und daß er keinen Schwarzen seiner Kleidung beraube, sondern daß die Leute auf den Bildern genau so angezogen seien wie in Wirklichkeit! Das hat denn auch geholfen, und heute strömt das Volk genau so vertrauensvoll herzu wie in den ersten Wochen.
Im Grunde genommen könnten die Leute sich dieses Kommen ersparen, denn ich brauche sie nicht mehr; was sie mir an ethnographischen Dingen bringen, ist das gleiche wie das schon hundertmal in meinem Besitz Befindliche; beim Photographieren aber springt auch nichts Besonderes heraus, denn es ist immer derselbe Typ, dieselbe Narbenverzierung, derselbe Lippenpflock. So paßt es ganz gut, daß ich den größten Teil meiner Zeit den Sprachaufnahmen widmen kann, den kleineren Rest aber der zwanglosen Beschäftigung mit volkskundlichen Dingen, wie sie sich bei Ausflügen in die Umgebung in der Regel ganz von selbst ergeben.
Vor ein paar Tagen habe ich das größte Wunder in diesem an Seltsamkeiten reichen Lande erlebt. Seit Wochen schon hatte Herr Echo von einer Sitte der Makuamädchen gesprochen, nach der diese unter der Zunge wie in einem Nest einen ganzen Haufen Kieselsteine trügen. Ich habe den Mann stets ausgelacht, mit bezeichnender Gebärde nach der Stirn. Vorgestern nun sitzen wir fünf Sprachforscher wieder beisammen und quälen uns in heißem Bemühen mit einigen besonders schwierigen Formen des Kiyao ab; dabei ist der Makua überflüssig, er erbittet sich Urlaub und verläßt die Barasa. Wir anderen denken kaum noch an ihn; plötzlich ein Geräusch nahender Schritte, eine schlanke Mädchengestalt wird zwischen Mattenwand und Lehmbrüstung sichtbar, unmittelbar dahinter die des schwarzen Lehrers; scheu, aber doch mit verschämtem Lächeln steht im gleichen Augenblick auch schon das junge, hübsche Ding vor uns. „Hapa namangāhlu, Bwana, hier sind die Mundsteine, Herr“, mit triumphierender Miene deutet Nawalowe auf den von einem erst mäßig großen Oberlippenpflock „verschönten“ Mund des jungen Mädchens. Wir sind alle erregt aufgesprungen. Sefu, Nawalowe und Akuchigombo reden gleichzeitig auf sie ein; widerwillig führt sie schließlich die Hand zum Munde, und siehe da, groß wie der Kern einer Haselnuß liegt im nächsten Augenblick ein fast wasserklarer, glattgeschliffener, eiförmiger Kiesel auf der flachen Hand. Ein zweiter folgt, ein dritter, ein vierter, wie ein Triumphator schaut Nawalowe zu mir herüber; ich aber stehe vor Staunen stumm. Ist es ein Trugbild, oder mogelt der gute Schulmeister? Schon ist ein fünfter Stein aus seinem rosigen Behälter herausgeholt, ein sechster folgt noch hinterdrein; endlich, nach dem siebenten und achten, scheint das Nest leer zu sein. Ich habe in jenem Augenblick tatsächlich einer gewissen Schonungspause bedurft, um mich von meinem maßlosen Erstaunen zu erholen, dann erst bin ich fähig gewesen, die Erklärungen meiner drei Gelehrten mit Ruhe in Empfang zu nehmen. Danach sind diese namangahlu genannten Steine Kiesel, wie man sie hier in den Ablagerungen wohl aller Flüsse findet; besonders klar und schön sollen die aus dem Rovuma sein, und sonach gilt es als eine Art Ehrensache für jeden verliebten Jüngling, solche Quarze von dort mitzubringen und sie der Geliebten zu verehren. Zu Perlenkolliers und à jour-Fassungen ist man am Rovuma und auf dem Makondeplateau noch nicht vorgeschritten, Taschen sind ebenfalls ein unbekannter Luxus, bleibt also als Behälter lediglich die untere Mundhöhle. So reime wenigstens ich mir die mehr als seltsame Tragart dieser Steine zusammen. Der Sinn der Sitte ist nach jenen Gewährsleuten der eines Treuegelübdes; die Steine sind also sozusagen ein ins Afrikanische übersetzter Verlobungsring, nur daß im Gegensatz zu so mancher jungen deutschen Braut, die ach! gar zu gern mit dem neuen, funkelnden Reif am Goldfinger kokettiert, diese Steine von niemand gesehen werden dürfen als vom Geliebten selbst. Mein erster, instinktiver Mogelverdacht ist übrigens, wie ich wohl annehmen darf, unbegründet; ich habe seither auf eigene Faust Studien in dieser Richtung angestellt und bei mehreren jungen Makuaweibern die Steine vorgefunden; die Sitte ist also bestätigt. Es gibt doch wirklich keine Verrücktheit, deren unser menschliches Geschlecht nicht fähig wäre! —
Das Klima Newalas ist im Laufe der Wochen immer schlechter geworden; nach einer kurzen Zeit wunderschönen mitteldeutschen Herbstwetters wälzt sich jetzt allmorgendlich der Nebel bis gegen 8½ Uhr über die Boma hin, am Abend aber braust der Ost eisiger denn sonst. Wir beiden Weißen kommen dabei nicht aus einem leichten Katarrh heraus, und schlecht geht es unseren Leuten. Anzuziehen haben sie nicht viel, die Träger haben nicht einmal Stoffe zum Wechseln; auch der Speisezettel der Ärmsten läßt immer mehr zu wünschen übrig. Zu alledem das nichts weniger als einwandfreie Wasser, kurz, es nimmt mich nicht wunder, wenn die Krankenliste von Woche zu Woche gewachsen ist. Von überall her ertönen die Beweise schwerer Bronchialkatarrhe; fast vermeine ich mich in die Zeiten von Ewerbecks Husterkompagnie zurückversetzt; doch auch Dysenteriefälle sind nicht selten, und ebensowenig Geschlechtskrankheiten. Die meisten der Patienten haben Vertrauen zu ihrem weißen Herrn, sie kommen freiwillig und nehmen mit Todesverachtung jede Art von Daua, die ihnen in den Mund gestopft wird. Meine Krieger muß ich militärärztlich behandeln, indem ich sie von Zeit zu Zeit behufs körperlicher Revision antreten lasse. Nebenher geht, wie das bei dem Charakter des Negers nicht anders zu erwarten ist, ganz allgemein die Behandlung à la Schensi. Mein Liebling Mambo sasa erfreut sich einer doppelseitigen Epididymitis; eine Hochlagerung der betreffenden Körperteile allein imponiert weder ihm noch seinen vielen Freunden. Diese schweifen vielmehr durch Wald und Busch, um für den Kranken eine spinatartige Medizin zusammenzusuchen, die sie ihm unermüdlich in dicker Schicht auflegen. Machen nun Knudsen und ich unsere kleinen Bummel auf irgendeine der von Newala auslaufenden Barrabarra hinaus, so stoßen wir sicherlich von Zeit zu Zeit dort, wo zwei Wege sich gabeln oder sich kreuzen, auf seltsame Gebilde. Mit merklicher Sorgfalt ist der Boden von Laub, Ästen und ähnlichen Dingen gesäubert; inmitten der reinen Fläche aber hat eine unbekannte Hand mit schneeig weißem Mehl einen Zauberkreis gezogen, etwa einen Fuß im Durchmesser und nie ganz regelmäßig; im Kreise selbst sind Mehltupfen in besonderem System angebracht, in Dreier- oder Viererreihen, mehr oder minder regelmäßig.
Über Zweck und Bedeutung dieser Figuren, die mir schon an meinen früheren Aufenthaltsorten mehr als einmal aufgestoßen waren, habe ich erst im Laufe der Zeit Aufklärung erhalten. Man versteht diese Art der Therapie nur, wenn man die gesamten Anschauungen des Negers über das Leben nach dem Tode und das Walten überirdischer Mächte in Betracht zieht. Mit dem leiblichen Tod hört nach dem Negerglauben das menschliche Leben keineswegs auf; zwar der Körper wird verscharrt und verwest, die Seele aber lebt weiter, und zwar an derselben Örtlichkeit, wo sie sich früher betätigt hat. Ihr bevorzugter Wohnsitz sind markante Bäume. Die Religion der Völker dieses Südens ist denn auch ein ausgeprägter Baumkultus insofern, als die Neger zu den verstorbenen Ahnen opfern und beten, indem sie Speise und Trank am Fuße solcher Bäume niederlegen und ihre Worte inbrünstig an die Krone des Baumes selbst richten.
Mehlopfer.
Der Msollobaum (Kimakonde: Mhollo) ist es, dem hier die Rolle des Göttersitzes zuteil wird. Zu ihm geht der pater familias, wenn in seiner Familie Krankheit wütet; dorthin lenkt er seine Schritte, wenn er vor einer großen Reise steht; dort kann man ihn finden am Vorabend vor dem Abmarsch in den Krieg. Er ist nicht mit leeren Händen gekommen: mit bunten Stoffen ziert er den Stamm des Baumes, so daß dieser mit all dem Flitterkram, den andere Hilfesuchende bereits an ihm befestigt haben, mehr originell als schön aussieht. Mit Baumblättern säubert er den Boden um den Stamm des Baumes herum und streut Mehl auf ihn; in einen Krug gießt er stärkende Pombe. Das sind die freiwillig gespendeten Gaben des Lebenden. Nun aber ist dieser ein Mensch und ein Neger noch dazu; ohne Gegenleistung des Toten geht es also nicht ab: „Ich habe dir Zeug geopfert und Mehl und Pombe gebracht; du, Ahne, weißt, wir wollen jetzt Krieg machen gegen die bösen Mavia; morgen marschieren wir ab; sorge du dafür, daß mich keine Kugel trifft, kein Pfeilschuß und kein Speerwurf.“ Im Abendwinde rauscht der Baum, beruhigt zieht der Gläubige von dannen.
Doch die Seelen wohnen nicht immer im Msollobaum. Ruhelos schweifen sie meist durch Feld und Wald; genau wie vordem, als sie noch in Fleisch und Blut einherwandelten, bevorzugen sie natürlich die Hauptwege. Dort und besonders da, wo mehrere Straßen zusammenstoßen, sind sie am leichtesten zu treffen, dort ist ihr Schutz am sichersten zu erlangen. Aus dieser Gedankenfolge heraus erkläre wenigstens ich es mir, daß das Mehlopfer an den obenbezeichneten Punkten stattfindet. Die Kranken sehen die Möglichkeit einer Besserung lediglich oder doch vorwaltend in der Hilfe, die ihnen von den mit höheren Kräften ausgestatteten Seelen der Ahnen zuteil werden kann. Was liegt also näher, als diesen Seelen dort zu opfern, wo sie vermutlich am häufigsten vorbeischweben, an den Kreuzwegen und an den Weggabelungen. Das ist die Auffassung meiner Gewährsleute, der auch ich mich anschließen möchte; sie hat viel Wahrscheinliches für sich, wenngleich auch zuzugeben ist, daß jenen Mehlfiguren ein anderes Motiv zugrunde liegen kann.